Hall & Oates schwören auf fluffigen Philly-Sound

Von Jens F. Meyer

Im Februar 1982 geschah etwas Sensationelles: Zwei weiße Soulmusiker stürmten die Spitze der Rhythm’n’Blues-Charts in Amerika! Genau so realistisch wäre es gewesen, mit dem Fahrrad zum Mond fahren zu wollen. „I Can’t Go For That (No Can Do)“ hatte sich pandemisch ausgebreitet, erst in Discos, Cafés, Radiostationen und auf den Plattentellern der USA, dann in Übersee. Und obwohl das Duo Hall & Oates schon einige Millionen Scheiben verkauft hatte, setzte es hier einen Meilenstein der Musikgeschichte. Das Kabinettstückchen, als weiße Musiker die schwarze Hitliste anzuführen, hatten vor ihnen in über 20 Jahren nur vier andere Künstler geschafft.

Sollte mir Ken Goffmann alias R.U. Sirius über den Weg laufen, werde ich ihm ein Bein stellen, und ich hoffe inständig, dass sich dies auf einer Talbrücke ohne Geländer zutragen möge. In seinem Buch „Stoned – Rockstars auf Droge“ bezeichnet der Autor Hall & Oates als „schleimige, biedere Seventies-Pop-Tanzband“. O, wie falsch er liegt. Nichts ist schleimig an „When The Morning Comes“ oder „It’s Uncanny“, nichts ist bieder an „She’s Gone“ und „You Make My Dreams“. Daryl Hall und John Oates haben als Singer/Songwriter nicht mehr und nicht weniger in die Waagschale fließen lassen als heißestes Herzblut. Das ist’n guter Ansatz, es ihnen gleichzutun, mit Herzblut über sie zu schreiben, über den Blue Eyed Soul, den Philly-Sound, der mich wie ein Sonnenstrahl durch schnoddergraueste Tage geleitet, früher wie heute.

Es war ein schöner Tag, nicht unbedingt der letzte im August, aber die Sonne brannte so, als hätte sie’s gewusst, dass sich Daryl Franklin Hohl (geboren 1948 in Philadelphia und ja, der Künstlername Hall war bitter nötig) und der ein halbes Jahr jüngere John Oates aus New York an der Temple University in Halls Heimatstadt 1967 über den Weg laufen würden. Beide hatten keine Kohle; ihr Studiengeld verdienten sie sich lieber als Backgroundsänger denn als Tellerwäscher. In dieser Zeit, in der mit den Stones, The Who, Cream, Led Zeppelin Hard- und Bluesrock aus England nach Amerika schwappte, verfolgten die jungen Musiker mit R’n’B und Soul einen anderen Stil. Halls erste Band waren die Temptones, Oates spielte bei den Masters. Im Summer of Sixtynine machten sie dann gemeinsame Sache, doch es sollte noch drei Jahre dauern, bis sie endlich ihren ersten Plattenvertrag unterschreiben konnten.

Das Album wurde 1972 ein Flop, was umso erstaunlicher war, als dass sich der erfolgreiche Soulproduzent Arif Mardin höchstselbst um die Angelegenheit gekümmert hatte. Wenngleich die Erfolge erst 1976 mit dem Wechsel von Atlantic zu RCA Records verbunden sind, bleibt festzustellen, dass es Arif Mardin gewesen war, der das Potenzial des weißen Soulduos erkannt hatte. Die erste Single unter der Flagge von RCA hieß dann „Sara Smile“ – und wurde ein Smashhit: Platz 4 in den Billboard-Charts. Endlich lief’s rund.

Ihren Höhenflug behielten die beiden bei und wurden zum erfolgreichsten Soul-Duo aller Zeiten, noch populärer als die Righteous Brothers: Über 20 Singles platzierten Hall und Oates in den Top 20 der Billboard-Charts, sechs davon ganz oben! Die erste Nummer 1 hieß „Rich Girl“. Amerika befand sich nicht allein im „H2O“-Fieber, nein, die ganze westliche Welt plus Japan war entzückt vom fluffigen East Coast Sound, der sich so anfühlt, wie ein Rotwein am Kaminfeuer und so erfrischend ist wie das Lächeln einer Lady. Erfolg und Können sind zwei Komponenten, die nicht unmittelbar etwas miteinander zu tun haben müssen – bei den smarten Jungs aus Philadelphia war der Erfolg aber die logische Konsequenz aus ihrem Können.

„Ich weiß, dass wir Musik machen, bis wir tot umfallen“, sagt John Oates. Ich wünsche den beiden, dass sie 100 Jahre alt werden. Fiel ich doch neulich völlig begeistert die Treppe zu meinem Gitarrenguru Siggi hinauf, eine DVD in der Hand haltend, und rief aufgeregt: „Siggi, Siggi, schau dir mal das Video hier an, das sind Hall & Oates live. Bring mir die Griffe bei.“ Siggi sagte sorgenvoll: „Ey, Mann, das ist noch viel zu schwierig für dich. Da sind eine Menge Barré-Griffe drin, die kannst du doch noch gar nicht so schnell. Mach erst mal ,Lady In Black‘ von Uriah Heep, bevor du dir die Finger brichst.“

Ich hasse die schwarze Frau von Uriah Heep. Aber ich liebe diese Musik von Hall & Oates. Ich trage diesen Sound tief in mir wie einen wertvollen Schatz. Heart and Soul auf ganzer Linie. „Don’t need any other reason, if I feel it deep inside. I’ll do it for love“, lautet der Refrain von „Do It For Love“. Die Single und das gleichnamige Album wurden 2002 veröffentlicht. Die allermeisten Radiostationen, mittlerweile leider völlig ladygaga, nahmen davon kaum Notiz. Dabei war diese Platte mehr als ein Lebenszeichen, es war ein Statement für den weißen Soul, in Harmonien und Melodien gebettet wie auf Samt und Seide, ohne süßlich-marmeladig und kitschig zu klingen. Und es beinhaltet eines der schönsten H&O-Lieder: „Getaway Car“, ausnahmsweise nicht aus eigener Feder.

Überhaupt haben Daryl Hall und John Oates zwar viele, aber längst nicht alle Songs selbst geschrieben. Großen Anteil an ihrem Gesamtwerk hat ein Geschwisterpaar namens Allen. Vor allem Sara, langjährige Freundin von Daryl und sicher ein Grund für das schmachtende „Sara Smile“, schrieb an vielen Hits mit. „Edult Education“ und „Maneater“ stammen zum Beispiel auch aus ihrer Feder, während Schwester Janna an „Method Of Modern Love“ und „Private Eyes“ mitwerkelte. Ohne die beiden Allen-Schwestern hätten Hall und Oates nicht so großen Erfolg gehabt. Zwischen Sara und Daryl soll es gefunkt haben, heute aber heißt es, sie seien gute Freunde. In welchem Verhältnis sie auch immer zueinander stehen: Sie ist wohl seine Muse.

Wenn ein von Mutter Königin zum Edelmann geschlagener Sir Mick Jagger sagt, dass Hall & Oates 1985 „die beste Backing Band der Live Aid-Show“ in Philadelphia war, dann ist das wie ein Ritterschlag. Öffnet man die Truhe der Vergangenheit, ist die Hingabe, mit der Daryl Hall singt, in jeder Strophe, jedem Vers zu spüren. Live noch viel inniger als bei den Studioaufnahmen. Halls Stimme ist wie ein weiteres Instrument und springt von einer Oktave zur nächsten wie einst Edwin Moses über die Hürden der 400-Meter-Strecke. Bei „Me and Mrs. Jones“ hebt er ab, überschlägt sich aber nicht, hält Balance. „Everytime You Go Away“ wälzt sich wonniglich in der Zehn-Minuten-Version mit Saxophonsolo und Stakkatogesang. „Dieser Song ist komplett autobiografisch; er floss aus mir heraus, als ich ihn schrieb“, erinnert sich Hall. Und es gibt da eine Live-Aufnahme vom 3. Oktober 1975 im Londoner New Victoria Theatre: „When The Morning Comes“ – beinahe jungfräulich hört sich Halls Stimme an. Über 30 Jahre später singt er denselben Song rauer, aber nicht verbraucht, immer noch unbekümmert. „Aus der Stimme eines Jungen ist die reife Stimme eines Mannes geworden“, hat er selbst festgestellt.

Wenn „Whole Lotta Love“ von Led Zeppelin wie ein Donnerwetter ist, wenn Thin Lizzys „The Boys Are Back in Town“ die Hymne zum Heldeneinmarsch bedeutet und Bob Marleys „Redemption Song“ schwebt wie eine Feder der Friedenstaube, dann haben „Wait For Me“ und „Las Vegas Turnaround“ die Anmut eines fliegenden Kaisermantels. Erhaben, melancholisch verzaubernd und doch verblüffend fröhlich stimmend. Das alles wäre ohne John Oates nicht möglich. Er gibt dem Klang des Duos kreativen Halt. Hall und Oates ergänzen sich vorzüglich. Davon zeugen ihre Solo-CDs, auf denen jeweils etwas Entscheidendes fehlt: der eine und der andere.

Welches die beste Zeit des Duos war, ist schwer einzuschätzen. Die zweite Hälfte der siebziger und die erste der achtziger Jahre waren jedenfalls bombenerfolgreich. Von 1974 bis 1985 bretterten 15 Songs in die Top Ten der Billboard-Charts, sechs davon bis ganz nach oben. Beste Single-Platzierungen in Deutschland: „Maneater“ und „Out Of Touch“ (jeweils Platz 15). Auf diese beiden Songs wird das Gesamtwerk von Hall & Oates hierzulande leider viel zu oft rüde kleingemacht. Aber da ist so viel mehr. Da ist das kraftvolle 1991er „Don’t Hold Back Your Love“, geschrieben von Richard Page, Bandleader bei Mr. Mister („Broken Wings“). Hintergründig und reif hallt das völlig unterschätzte „Change Of Season“-Album aus dem Jahr 1990 nach, und eigentlich sollte laut Produzent der Titel „So Close“ nur in der von Jon Bongiovi gerockten Variante als Opener herhalten. Daryl Hall insistierte, beharrte auf seine stromlose „unplugged“-Version, ohne die er dem Album nicht die Freigabe erteilt hätte. Nun öffnet „So Close“ das Neunziger-Album mit Power und schließt es mit Sinnlichkeit. Und wenn aus einer fast 30 Langspielplatten umfassenden Diskografie ein Live-Album herausfunkelt, dann spricht das erst recht für diese Band: Das 2008er Album „Live At The Troubadour“ ist schlicht und ergreifend überwältigend.

„Bigger Than Both Of Us“ heißt ein Song aus 1976. Gibt es etwas, das größer ist als Hall & Oates? Ich habe bis heute nichts gefunden.