Setzt sich mysteriöser Vogelschwund fort?

Hameln-Pyrmont/Hannover. Vom 12. bis 14. Mai findet zum 13. Mal die bundesweite „Stunde der Gartenvögel“ statt: Der NABU Niedersachsen lädt an diesem Muttertags-Wochenende alle Naturfreunde ein, bei der großen Gartenvogelzählung mitzumachen.

„Mitmachen ist dabei ganz einfach. Man sucht sich ein gemütliches Plätzchen im Garten, auf dem Balkon oder im Park und beobachtet und zählt eine Stunde unsere gefiederten Freunde“, erklärt Ulrich Thüre, Pressesprecher des NABU Niedersachsen. Spaß an der Natur mit Nutzen für den Naturschutz kann man so ganz leicht verbinden. Vor allem ist darauf zu achten, dass von jeder Vogelart die höchste Anzahl notiert wird, die im Laufe einer Stunde gleichzeitig entdeckt werden kann.

„Wir sind gespannt, wie sich die Ergebnisse zu unserer „Stunde der Wintervögel“ aus dem Winter unterscheiden. Hier hatten wir festgestellt, dass sonst häufig vorkommende Vögel wie Kohl- und Blaumeise oder auch Haussperling im Gegensatz zum Vorjahr abgenommen haben. Es wird interessant zu sehen, ob sich diese Tendenz jetzt im Frühjahr fortsetzt“, so Ulrich Thüre.

Knapp 6000 Menschen haben im vergangenen Jahr allein in Niedersachsen bei der „Stunde der Gartenvögel“ ehrenamtlich Daten erhoben und dadurch wichtige Informationen darüber geliefert, wie es den verschiedenen Vogelarten geht. Diese Zahlen sind eine wichtige Basis, um zielgerichtet aktiv zu werden. So zum Beispiel für Mehlschwalben und Mauersegler, die sich im vergangenen Jahr auf dem Sinkflug befanden. Mit einfachen Nisthilfen kann man den Flugkünstlern schon gute Dienste erweisen. „Auch muss sich in der Landwirtschaft etwas ändern. Der Einsatz von Insektiziden entzieht den Tieren die Lebensgrundlage. Wenn Insekten totgespritzt werden, haben viele Vögel keine Nahrung mehr“, erklärt der Thüre.

Die Aktion ist nach dem Prinzip der „Citizen Science“, der Forschung durch jedermann, angelegt. Je mehr Menschen ihre Beobachtungen zusammentragen, desto aussagekräftiger sind die Ergebnisse. Bei der „Stunde der Gartenvögel“ gibt es zahlreiche attraktive Preise zu gewinnen. Der Meldeschluss ist der 22. Mai.

Die letzte große Vogelzählung bei der „Stunde der Wintervögel“ (6. bis 8. Januar) hatte bei vielen häufigen Arten einen mysteriösen Vogelschwund ergeben. Insbesondere bei allen heimischen Meisenarten, aber auch bei Kleiber oder Buntspecht wurde ein Drittel oder sogar um die Hälfte weniger Vögel festgestellt als in den Vorjahren. Die Vogelexperten des NABU vermuten eine aufgrund des milden Winters besonders geringe Zugneigung vieler Arten und damit fehlenden Zuzug von Artgenossen aus dem Norden und Osten als Hauptursache der extrem niedrigen Zahlen. Eine andere Erklärung ist ein besonders schlechter Bruterfolg vieler Arten im vergangenen Jahr. „In diesem Fall müssten nun auch bei der kommenden ‚Stunde der Gartenvögel‘ niedrige Zahlen festgestellt werden. Das wäre sehr besorgniserregend, insbesondere wenn sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzen würde“, sagt NABU-Vogelschutzexperte Lars Lachmann.

Nach über zwölf Jahren können die Forscher des NABU erste deutliche Bestandstrends für den Siedlungsraum aus den gesammelten Daten ablesen. Die Gesamtzahl der Gartenvögel in einem durchschnittlichen Garten blieb mit etwa 35 Individuen von zwölf verschiedenen Vogelarten über die Jahre konstant. Damit geht es den Vögeln unserer Gärten und Parks wesentlich besser als den Vögeln unserer Agrarlandschaft, wo die meisten Arten abnehmen, manche Bestände sogar regelrecht zusammenbrechen.

Unter 57 bewerteten Vogelarten gab es 20 mit Bestandszunahmen, 13 mit Abnahmen und 24 mit stabilen Beständen. Unter den Gewinnern sind vor allem eigentliche Waldvogelarten wie Ringeltaube, Eichelhäher, Kleiber, Buntspecht, Gimpel und Kernbeißer. Sie profitieren vom wachsenden Alter der Baumbestände in unseren Dörfern und Städten. Auf der Verliererseite stehen dagegen vor allem typische Siedlungsarten wie Mehlschwalbe, Mauersegler, Hausrotschwanz oder Girlitz. Ihnen fehlen zunehmend Nistmöglichkeiten an Gebäuden aufgrund unbedachter Hausmodernisierungen sowie die wildkraut- und insektenreichen Strukturen bäuerlicher Dörfer.

Die beiden Flugkünstler Mauersegler und Mehlschwalbe leiden auch unter dem allgemeinen starken Rückgang an Fluginsekten. „Seit Beginn der Aktion haben sie kontinuierlich abgenommen. Die durchschnittlich pro Garten gemeldeten Zahlen waren im vergangenen Jahr um über 40 Prozent niedriger als noch 2006“, sagt Lachmann. Die intensive und flächendeckende Verwendung von Insektengiften in der Landwirtschaft macht sich hier sogar bei typischen Siedlungsvögeln bemerkbar. Teilweise kommt Gift auch immer noch in Gärten und öffentlichem Grün zum Einsatz. Vor diesem Hintergrund fordert der NABU eine echte ökologische Agrarreform und weniger Gift in der Landschaft sowie einen Verzicht auf Gift im Garten.