Imponierendes Zentrum

Bad Pyrmont (Hei). Es ist schon ein besonderes Jubiläum, der 350. Geburtstag, den die Pyrmonter Hauptallee in diesem Jahr feiert. Wo sonst wurde im Laufe der Geschichte so viel philosophiert und getratscht, spaziert und geflirtet wie hier. Politische Gespräche wurden geführt, Geschäfte abgeschlossen, Heiraten arrangiert, Ärzte konsultiert und Theater gespielt auf dieser „ältesten Fußgängerzone Europas“, wie ihr (inoffizieller) Rang lautet.

Als in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Fußgängerzonen in deutschen Städten wie Pilze aus dem Boden schossen, da konnten die Pyrmonter über diese Stadtverschönerung nur milde lächeln. Zwar wurde auch hier die Brunnenstraße damals als autofreie Zone eingerichtet, doch eine Flaniermeile gab es schon lange vorher. Bereits 1668 wurde nach den Plänen eines bayerischen Hofgärtners mit dem Anpflanzen einer vierreihigen Linden-Allee als „Therapie- und Kommunikationsort“ begonnen.

Es war das Jahr des sogenannten „Pyrmontischen Hauptvergleichs“ zwischen dem Bistum Paderborn und dem Grafenhaus Waldeck-Pyrmont, der eine endgültige politische und räumliche Trennung zwischen Pyrmont und Lügde festlegte. Dies ermöglichte dem Grafen Georg Friedrich zu Waldeck und Pyrmont, gezielt in die Zukunft des Ortes zu investieren. „Die Anlage der Hauptallee war ein erstes Ausrufezeichen für den Standort Pyrmont als Kurort“, betont der frühere Museumsleiter und jetzige Stadtarchivar Dr. Dieter Alfter.

Auf der östlichen Seite der Allee wurden damals lange Reihen von Toiletten, sogenannte Sekreta, für die von den massiven Trinkwasser-Anwendungen gebeutelten Kurgäste angelegt. Am südlichen Endpunkt der Allee, markiert durch eine dreistöckige Fontäne, führte ein Kanal zur Schlossgraft. In einer Gondel, die an einem über den Schlossgraben gespannten Seil entlanglief, konnte man so die fürstliche Residenz erreichen. Später wurde der Kanal zugeschüttet, Versuche, ihn wieder zu reanimieren, scheiterten. 1936 wurde die Untere Hauptallee von der Stadt angelegt.

Beliebter

Treffpunkt

Die eigentliche Hauptallee als Sichtachse zur Wandelhalle ist nach wie vor das imponierende Zentrum der Kuranlagen und ein beliebter Treffpunkt – auch wenn einige inzwischen verwaiste Hotels nicht gerade zu ihrer Attraktivität beitragen.

Star der Hauptallee ist aber immer noch das Kurtheater – und auch das hat in diesem Jahr Jubiläum, wird 200 Jahre alt. Während zunächst, zum Beispiel im Fürstensommer 1681, durchziehende Schauspiel-Truppen unter freiem Himmel auf der Hauptallee spielten, wurde später eine Bühne im sogenannten Ballhaus, in Höhe des Lortzingdenkmals, eingerichtet. 1783/84 entstand der erste feste Theaterbau, Chef war Friedrich Wilhelm Großmann, ein Freund Lessings, der ein riesiges Repertoire vorweisen und im Publikum 1801 unter anderem Johann Wolfgang von Goethe begrüßen konnte.

1813 kam dann August Pichler ins Spiel, jener leidenschaftliche und in Pyrmont angesehene Theatermann, in dessen Nachfolge Jörg Schade vor 20 Jahren seine Pyrmonter Theater Companie ins Leben rief. Das Wirken Pichlers, der übrigens 1851 der erste Ehrenbürger Bad Pyrmonts wurde, hat die Theater Companie in ihrem Büchlein „Die Geschichte des Pyrmonter Theaters“, ausführlich gewürdigt. Der Mime erklärte sich 1817 bereit, auf eigene Kosten ein neues Schauspielhaus zu bauen, das zur Sommersaison 1818 fertig wurde. Mit einem hufeisenförmigen Zuschauerraum mit Saalparkett, Seitenlogen und zwei (!) umlaufenden Ranggalerien, von denen bei einem späteren Umbau der zweite Rang wieder entfernt wurde. Mit wechselnden Chefs erlebte das Kurtheater dann turbulente Zeiten, wurde 1911 zwangsversteigert und ging zeitweise in Besitz der fürstlichen Domänenkammer in Arolsen über. Es war als „Kleines Theater“ Podium für Gastspielbühnen mit zum Teil prominenten Darstellern, hatte in der Nachkriegszeit ein festes Ensemble und diente bis in die 80er-Jahre auch als Kino. Heute wird dort vor allem Kleinkunst im Staatsbadprogramm gezeigt.

Mit zwei Vortragsabenden würdigt das Staatsbad in dieser Saison die beiden Jubiläen: „Treffpunkt Pyrmont – 350 Jahre Hauptallee“ lautet ein Vortrag, den Titus Malms am 5. September, 19.30 Uhr, in der Wandelhalle hält. Carl-Herbert Braun und Jörg Schade von der Pyrmonter Theater Companie erinnern am 31. Oktober, 19.30 Uhr, im Kurtheater an „200 Jahre Kurtheater und seine Schauspieler und Intendanten“.