Ein richtig gutes Gefühl mit Vinyl

Hameln-Pyrmont (ey). „Jaaa, das ist spürbare Musik. Da haben Sie noch richtig was in der Hand und im Ohr!“ Wenn Michael Kolzuniak, Chef von Media Markt an der Böcklerstraße in Hameln-Wangelist, mit Ausrufungszeichen von richtigen Schallplatten spricht, gerät der Musikfreak ins Schwärmen. „Genesis, Pink Floyd, Supertramp – das war meine Zeit. Da gab es ja CDs nur selten und Streamingdienste noch gar nicht“, sagt er. Und als wenn sein Flehen nach den guten, alten Tagen der Branche erhört worden ist, musste, konnte, ja: durfte Kolzuniak vor mehr als drei Jahren im Media Markt inmitten des Tonträgerbereichs eine Vinyl-Abteilung eröffnen. Sowas macht kein Händler, wenn es sich nicht lohnen würde.

Nicht nur Nostalgiker

schwärmen vom Sound

Und ja: Das Interesse steigt deutlich. Nicht nur Nostalgiker schwärmen vom vergleichsweise besten Sound-Erlebnis! „Da reicht eine CD nicht heran“, sagt Jürgen Selugga, Inhaber des Fachgeschäfts Raumklang im HefeHof, das sich auf den Verkauf von Plattenspielern der gehobenen Klasse spezialisiert hat. Preis: ab 300 Euro aufwärts, nach oben offen bis zum fünfstelligen Bereich! Der Klang von Langspielplatten sei wärmer und authentischer. Allerdings: Wer an der Anlage spare, könne diese Unterschiede nicht feststellen. „Plattenspieler für 50 Euro sind Quatsch.“ Und ein 3000-Euro-Exemplar – im Übrigen gar kein Einzelfall – sei auch nicht sinnvoll, solange die gesamten Komponenten einer Anlage samt Boxen nicht perfekt aufeinander abgestimmt werden. Aber dann, ja, dann werde der Sound brachial gut. Immer mehr Musikfans sind davon überzeugt.

Jürgen Selugga verkauft heute viermal mehr Plattenspieler als vor zehn Jahren, nicht nur an die alteingesessene Stones- und Beatles-Connection, sondern auch an jüngere Menschen. Seit einiger Zeit gibt er deshalb sogar Plattenspieler-Seminare!

Ob Saphir- oder Diamantnadel: Michael Kolzuniak ist’s gleich. „Fest steht, dass dieses neue, alte Sound-Erlebnis etwas Spürbares hinterlässt. Man nimmt so eine Scheibe vorher in die Hand, fährt mit dem weichen Tuch drüber, um den Staub zu binden, legt sie auf und muss während dieses Hörerlebnisses auch noch die Seite wechseln. Das ist eine sinnliche Musikerfahrung.“

Laut Bundesverband Musikindustrie (BVMI) liegen die Umsätze 2017 annähernd auf Vorjahresniveau. Das Streamen von Musik wächst kräftig, die physischen Tonträger sind deutlich weniger gefragt. Die CD bleibe zwar stärkstes Umsatzsegment mit 45,4 Prozent Marktanteil, aber Vinyl erfreut sich um einen Zuwachs von 5,1 Prozent und liegt damit bei immerhin 4,6 Prozent der Umsätze! Tendenz steigend. Oder anders ausgedrückt: Nur die herkömmliche Langspielplatte hat unter den physischen Tonträgern positive Zahlen – eine Steigerung von 70 (2016) auf 74 Millionen Euro (2017). Bundesweit wurden im Jahr 2017 weit über drei Millionen Schallplatten verkauft.

Vor allem die Rockmusikfans

schwören auf LP statt CD

Der größte Run in diesem Bereich besteht im Mutterland der Rockmusik, in Großbritannien. Dort bescherte er dem Musikmarkt im vergangenen Jahr einen satten Anstieg von 26,8 Prozent gegenüber 2016! In Zahlen ausgedrückt verkauften sich 2017 auf der Insel 4,1 Millionen LPs! Und was dort in Sachen Rock und Pop sich entwickelte, schwappte auch immer aufs Festland. Da kommt noch was auf die Branche zu.

Beherrscht wird der Vinyl-Markt von gitarrenlastiger Musik der Genres Rock, Metal und Punk. In den offiziellen deutschen Vinyl-Charts, ermittelt von GfK Entertainment, finden sich zurzeit Bands wie die schwedischen Ghost („Prequelle“) und Marduk („Viktoria“). Neben den Nordmännern überzeugen auch „Slayer“, die ganz „Repentless“ auf Rang zwei stürmen.

Mehrere 100 Euro kostet die Vinyl-Collection der Rolling Stones – doch dafür erhält man sämtliche Studio-Alben der Jahre 1971 bis 2016 in remasterter Fassung, aufgeteilt auf 20 Schallplatten und eine Spielzeit von über 700 Minuten. Die Mammut-Box steigt an fünfter Stelle ein. Weitere Box-Sets debütieren auf vier (Black Sabbath: „Supersonic Years: The Seventies Singles Box Set“), 16 (Devin Townsend Project: „Eras – Vinyl Collection Part I“) und 20 (Def Leppard: „The Box Set: Volume One“).