Arme Amseln

Weserbergland (ey). Wer aufmerksam die heimische Singvogelwelt betrachtet, könnte beim Anblick der Amseln zurzeit schreckensbleich werden: Manche sehen gelinde gesagt zerzaust oder gar gerupft aus! Das ist jedoch nur die zweite Mauser. „Alles ganz normal“, sagt Professor Kordt Rehn aus Bad Pyrmont, der als ausgesprochen erfahrener Ornithologe gilt. Da ist dennoch eine Sache, die den armen Amseln schwer zuzusetzen vermag: Das Usutu-Virus könnte für ein Amselsterben nie dagewesenen Ausmaßes sorgen!

Der warme Sommer scheint die Ausbreitung des tropischen Usutu-Virus‘ begünstigt zu haben. Tropenmediziner rechnen mit dem Tod mehrerer Tausend Amseln in Deutschland in diesem Jahr. Das Virus zirkuliert erstmals bis in die nördlichen Bundesländer. Bisher wurden über 200 Vögel an das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin geschickt, von denen 132 untersucht wurden. Für fast die Hälfte wurde das Usutu-Virus nachgewiesen!

Im heimischen Weserbergland ist bislang kein Fall bekannt. Laut Veterinärbehörde des Landkreises Hameln-Pyrmont sollte die Sache aber nicht unterschätzt werden. „Wer tote Amseln findet, die offensichtlich nicht Opfer von Katzen oder anderen Wildtieren geworden sind, sollte zur Sicherheit die Behörde informieren“, sagt Pressesprecherin Sandra Lummitsch. Möglicherweise könnte es sich um das Virus handeln.

Professor Rehns Ratschlag: „Auffällig teilnahmslose Amseln auf Gehwegen oder Plätzen, die nicht verletzt sind, sollten mit Handschuhen vorsichtig aufgenommen und ins Gebüsch gesetzt werden, mehr kann man nicht tun.“ Übertriebene Tierliebe mit Fütterungen oder gar Medikamenten seien Unsinn. „Wir Menschen haben die positive Eigenschaft, helfen zu wollen, aber die Natur geht da ihren Weg.“ Derweil macht sich der Fachmann grundsätzlich aber Gedanken darüber, dass vielen heimischen Singvögeln der Lebensraum genommen wird. Zwar forderten verschiedene Umweltverbände ja geradezu gebetsmühlenartig, dass man Gärten naturnah anlegen sollte, aber viele Grundstücksbesitzer ignorierten dies. „Dabei ist klar, dass Singvögel viel Buschwerk brauchen, in dem sie sich vor Beutegreifern schützen können. Und: Vogeltränken aufstellen! Gerade dieser trockene Sommer hat gezeigt, wie wichtig Wasser ist – eben auch für die Vögel“, so Professor Rehn. Wichtig: Das Wasser in den Bassins sollte nicht tiefer als fünf Zentimeter sein, denn jeder Vogel ist ein Nichtschwimmer, badet aber gerne. Warum? Siehe Textanfang: Mauser und Flöhe lassen‘s im Federkleid und auf der Haut jucken – da kommt so ein Bad im frischen, kühlen Nass gerade recht. Verlässliche Trink- und Bademöglichkeiten sind ein dringendes Bedürfnis heimischer Vogelarten.