Packendes Buch prämiert

Hameln. Es ist eine triste Welt, in der die Brüder Nik (13) und Levi (10) aufwachsen: Klar, um sie herum stapeln sich die Tablets, eine Videoprojektion von Meereswellen lullt sie in den Schlaf. Doch ihre Eltern sehen sie selten: Die Angestellten des Internet-Giganten „Qwip.com“ parken ihre Kinder im firmeneigenen Super-Hort, tagelang, nächtelang. Indes beschäftigt sich eine Wissenschaftlerin im polnischen Riesengebirge mit dem im Fels schlummernden Rübezahl – tschechisch: Krakonos. Bis der wandlungsfähige Berggeist eines Abends plötzlich erwacht – und schon bald auch für Nik und Levi das Abenteuer beginnt…

Das ist der Beginn von Wieland Freunds Jugendroman „Krakonos“. Freitagabend erhielt der Autor dafür im gut gefüllten Theater den Rattenfänger-Literaturpreis der Stadt Hameln – und natürlich viele anerkennende Worte. Freund gelänge durch die „fabelhafte Idee“ und „gute Recherche“ der mühelose „Balanceakt zwischen Großstadt und Natur, Technologie und Mythos, Märchen und Realität“, sagte zum Beispiel Oberbürgermeister Claudio Griese. Die Juryvorsitzende Dr. Christine Lötscher aus Zürich schloss ihre Laudatio gar mit der Feststellung, Freunds Roman habe „das Zeug, zum Wegbereiter einer neuen Art des Schreibens innerhalb der deutschsprachigen Fantastik“. Gerade weil der Autor seinen jungen Lesern keine banale Story vorsetzt. Er nehme die jugendlichen Leser ernst, „und er traut ihnen zu, sich für das Leben in seiner ganzen Komplexität und Vielschichtigkeit zu interessieren und dabei lustvoll und neugierig zwischen verschiedenen Erzählsträngen hin- und herzuspringen“, sagte Lötscher.

Freund, geboren 1969 bei Paderborn und heute mit seiner Familie in Berlin zu Hause, erzählt in „Krakonos“ einen packenden Thriller mit Science-Fiction- und Märchen-Elementen. Auch in seiner sehr unterhaltsamen Dankesrede schlug der Autor einen weiten Bogen: Er sprach über die Tücken der Berliner S-Bahn, nie (zu Ende) geschriebene Bücher und nahm Bezug auf die berühmte Hamelner Sage: „Geschichten verschmelzen, sie kombinieren, sie denken zusammen, was auf den ersten Blick gar nicht zusammengehört.“ Und so mache die Rattenfänger-Sage einen „Lokator, der Siedler für den Osten anwirbt“ zu einem „bunt gewandeten Rattenfänger mit Flöte“. Oder sie versetzen – wie nun im ausgezeichnetem Buch – den Berggeist des Riesengebirges „auf eine Brache in Berlin-Adlershof“.

Eine Szene des Romans wurde am Freitagabend von IGS-Schülern und Marc Telgheder auf die Bühne gebracht. Und das sogar gleich zweimal – wegen einer kleinen Panne im Ablauf der Preisverleihung. Diese hatte nämlich zunächst in Abwesenheit der Hauptpersonen und Ehrengäste – Preisträger, Jury und Oberbürgermeister inklusive – begonnen. „Verkehrsprobleme“ gab Griese als Grund für die kleine Verspätung an. Die von ihnen verpasste kurze Aufführung vom Beginn wurde deshalb zum Finale wiederholt.

Ein anderes, nur winziges Malheur fing der Autor selbst gleich auf, als er ans Mikrofon trat: „Für alle, die denken, ich hätte einen technikfeindlichen Roman geschrieben: Das Handy eben war meins.“