„Kräh, kräh“

Hameln/Bad Pyrmont (ey/mes). Grau der Himmel, gefiederschwarz die Baumkronen: Kolonien von Rabenvögeln machen die Städte Bad Pyrmont und Hameln unsicher. Unsicher nicht im Sinne von gefährlich, sondern in Bezug auf die Häufigkeit. „Die Population der Rabenvögel ist deutlich größer geworden“, sagt Prof. Dr. Kordt Rehn, Vogelkundler aus Bad Pyrmont. Die Folgen: Vermehrt auftretende Kotspuren in innerstädtischen Bereichen und die Verdrängung kleinerer, heimischer Singvögel, um nur zwei Gründe zu nennen. Eine Vergrämung scheint indes nicht zu funktionieren.

Ob sie notwendig wäre, steht ohnehin infrage. Tierschützer lassen am Abschuss der Krähenvögel kein gutes Haar. Dabei müsse laut Rehn ohnehin unterschieden werden zwischen Raben- und Saatkrähe. „Die Rabenkrähen sind viel häufiger anzutreffen. Sie dürfen in bestimmten Zeiten bejagt werden, verschwinden mit Ende des Winters aber ohnehin wieder aus den Siedlungsbereichen und verbringen Frühling und Sommer in kleinen Gruppen und nicht in Kolonien außerhalb der Städte. Die viel selteneren Saatkrähen stehen unter Schutz. Sie dürfen zu keiner Jahreszeit bejagt werden, sind aber bislang auch nicht das Problem.“

Fakt ist: Die Krähenvögel sind sehr lernfähig. Dafür gibt es viele Beispiele, eines davon ist dort, wo Walnussbäume in Siedlungsbereichen stehen, jeden Tag gut zu beobachten. „Tatort“ Klütviertel in Hameln: Die Tiere lassen Walnüsse aus hoher Distanz auf die Straße fallen, um die harte Schale zu knacken. Gelingt dies nicht, warten sie auf einer Straßenlaterne solange, bis ein Auto über die Nuss rollt. Verfehlt das Fahrzeug das Ziel, erfolgt Versuch Nummer zwei der Krähe auf dieselbe Art und Weise. Irgendwann hat sie ihr Ziel erreicht.

„Survival of the fittest.“ Die Natur kennt keine Ausnahme. Im Hinblick darauf ist es ärgerlich, dass ganze Futterstationen für heimische Singvögel oder im zeitigen Frühling schließlich auch deren Nester von den Krähen geräubert werden. „Insofern stellen sie bei aller Nachsicht für den Tierschutz schon auch ein Problem dar“, sagt Vogelkundler Rehn. Dass daran nicht die schwarz Gefiederten selbst, sondern die Menschen schuld sind, ist Tatsache. Denn: „Ansammlungen und Kolonien von Hunderten von Rabenkrähen entstehen, weil der Mensch Bedingungen schafft, die auch das Interesse der Tiere wecken.“ Da ist zum Beispiel die Beleuchtung. Keine Stadt, die nachts noch dunkel ist. Das Licht wirkt geradezu magnetisch. Und warum? Weil sich die Krähenvögel, die in Kronen wohnen, vor ihren Feinden wie etwa dem Habicht dort sicher fühlen. Außerdem sind die Futterplätze nicht weit entfernt; man macht‘s sich quasi gemütlich im gemachten Nest. Gelbe Säcke werden geräubert, die bereits erwähnten Futterstationen, und wo ein Meisenknödel nicht clever genug aufgehängt wird, dauert es nur kurze Zeit, bis auch er vertilgt ist.

Kordt Rehn spricht von einem „Schlafschwarmproblem“. Bad Pyrmonts Bürgermeister Klaus Blome schlägt in dieselbe Kerbe. Die Vögel, die zur Nachtruhe in die Bäume an der Brunnenstraße, der Hauptallee und auf dem Altenauplatz einfallen, hinterlassen jede Menge Dreck. Es sei „nicht schön und nicht wünschenswert, in den Wintermonaten Krähen in der Innenstadt zu haben“. Für Kurgäste an nah und fern vermag dieser Anblick in der Tat kein schöner zu sein…

Trotzdem: „Eine Lösung dieses Problems ist weiterhin nicht in Sicht. Die Vögel lassen sich kaum oder gar nicht vergrämen“, räumt Bad Pyrmonts Bürgermeister Blome ein. Zur Erinnerung: Bereits im Herbst 2016 hatte die damalige stellvertretende Vorsitzende der CDU, Ursula Körtner, einen Antrag vorgelegt, mit dem die Stadtverwaltung aufgefordert werden sollte, sich um das Problem zu kümmern. „Viele Bürger Bad Pyrmonts und viele Gäste können nicht nachvollziehen, dass dieser Zustand bisher so hingenommen wird“, kritisierte sie und forderte, dass die Verwaltung unverzüglich klären soll, mit welchen Maßnahmen in anderen Städten gegen Krähenschwärme vorgegangen wird. „Die Krähen werden seit einigen Jahren von den Pyrmonter Jägern regelmäßig bejagt, aber so viele kann man gar nicht schießen wie nachschlüpfen“, sagt Stadtsprecher Wolfgang Siefert, der sich dabei auf Aussagen aus der Jägerschaft berief. Der Hegering Bad Pyrmont hatte die Stadt in den vergangenen Jahren mehrfach in dem Versuch unterstützt, die Tiere aus dem Zentrum zu vertreiben. „Aber auch wir können uns nur im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten bewegen“, sagt Hegeringleiter Dieter Lippert. Abschuss-Aktionen innerhalb der Stadt seien ohnehin verboten.

In Hameln dasselbe Bild: Baumkronen voller Rabenkrähen. An der Promenade. Im Klütviertel. Am Posthof. Autofahrer bangen um den Lack ihrer Fahrzeuge, Fußgänger finden die Exkremente auf Gehwegen widerlich. Allein: Es ist eine Duldung seit Jahren. Während in Bad Pyrmont die Zahl der Krähen auf bis zu 300 geschätzt wird, gehen Experten in Hameln von noch mehr Tieren aus, die mit ihrem winterlichen Geselligkeitsverhalten laut Vogelkundler Rehn ein Musterbeispiel an hochsensiblem, sozialem Schwarmverhalten an den Tag (und die Nacht) legen. Was sie lax festgestellt von manchem zweibeinigen Kritiker, der ihnen ans Gefieder will, schon mal beträchtlich unterscheidet …