Kinderschänder-Skandal breitet sich weiter aus

Elbrinxen/Lügde. Seit mittlerweile vier Wochen wissen die Elbrinxer nun, welche Verbrechen am Rande ihres Dorfes über viele Jahre hinweg begangen worden sein sollen: Von den meisten Menschen unbemerkt sollen der mutmaßlich pädokriminelle Hauptverdächtige Andreas V. (56) und sein Bekannter Mario S. (33) – mehr als 30 Kindern sexuelle Gewalt angetan haben. Seither lässt das Thema Millionen von Menschen in ganz Deutschland immer wieder den Atem stocken. Denn zu den Verbrechen noch unbekannten Ausmaßes kommen immer neue Hiobsbotschaften hinzu.

Mal sind es offenbar massive Fehleinschätzungen früher Hinweise, dann mutmaßliche Ermittlungspannen, die die Affäre immer ungeheuerlicher erscheinen lassen – und auch in der Kernstadt und darüber hinaus immer wieder zum Stadtgespräch machen.

Wer jetzt „Lügde“ googelt, bekommt per Auto-Vervollständigung nicht mehr als Erstes „Osterräderlauf“ dazu angezeigt, sondern „Kinderschänder“.

„Da haben wir jahrelang alles getan, um unsere Stadt nach vorn zu bringen – und dann wird das alles im Handumdrehen zunichtegemacht“, sagt Lügdes pensionierter Bauamtschef Günter Loges.

Manche winken längst nur noch ab. Sie wollen von dem Thema nichts mehr hören. Und sie wollen auch nichts mehr sagen, wenn ihnen das x-te Fernsehteam ein Mikrofon vor die Nase hält.

Was sollen sie auch sagen?! Die Fassungslosigkeit über die offenbar monströsen Verbrechen, die der stets hilfsbereite, aber wohl doch nur scheinbar harmlose Kümmerer begangen haben soll, wächst beinahe von Tag zu Tag. Ebenso wie die Ratlosigkeit und Enttäuschung angesichts der offenbar fehlgedeuteten oder gar ignorierten Missbrauchs-Hinweise durch Jugendämter und Polizei.

All das ist schwer auszuhalten. Noch schwerer macht das der Umstand, dass immer neue Details bekanntwerden, die die Arbeit von Behördenmitarbeitern in ein immer schlechteres Licht rücken.

Zu den mutmaßlich auf seinem Platz begangenen Verbrechen sagt Campingplatz-Betreiber Frank Schäfsmeier: „Wir müssen das jetzt glauben. Aber begreifen werde ich es wohl nie.“ Dass Andreas V. Anfang 2017 offiziell als Pflegevater für ein kleines Mädchen eingesetzt wurde, habe ihn wegen der Unterbringung des Kindes auf der Parzelle zwar gewundert, räumt Schäfsmeier ein. Aber immer wieder kommen ihm dann auch Bilder in den Sinn wie das der begeistert auf Andreas V. zulaufenden Kinder, wenn der, etwa vom Einkaufen, auf den Platz zurückkam.

Völlig unauffälliges

Verhalten

Auffällig sei nur gewesen, dass die Kinder ihn bestürmten. V.s Verhalten hingegen sei völlig unauffällig gewesen. Hilfsbereitschaft sei als seine hervorstechendste Eigenschaft erschienen. „Er hat nicht nur den Kindern die Fahrräder repariert, sondern auch älteren Leuten die Gasflaschen getragen“, erinnert sich der Platzeigentümer.

In Andreas V.s äußerlich perfekter Anpassung an die Bedürfnisse seines Umfelds könnte eine mögliche Antwort auf die Frage liegen, die sich Millionen von Menschen stellen: „Wie konnte das alles über so lange Zeit passieren?“

Dass niemand etwas bemerkte, stimmt allerdings nachweislich nicht. Der seit Dienstag bekannte frühe Hinweis von 2002 beweist das Gegenteil. Nur dass er wie auch die in den folgenden 14 Jahren aktenkundig gewordenen Verdachtsmomente keine Konsequenzen hatten.

„Als der Fall vor einem Monat bekannt wurde, hatte ich viele Fragen“, sagt Lügdes Bürgermeister Heinz Reker. „Aber inzwischen habe ich noch mehr.“ Wie er all die Fragen, die in seinem E-Mail-Posteingang landen oder die er am Telefon gestellt bekommt, beantworten soll, weiß er nicht. Dass das offenbar „globale Behördenversagen“ in den Jugendämtern und bei der Polizei den eigentlichen Fall beinahe in den Hintergrund treten lässt, mache die Sache nicht besser.

Am Dienstagabend vermeldete Lippes Landrat Dr. Axel Lehmann, das Innenministerium habe die Führung der Kreispolizeibehörde Lippe kurzfristig neu aufgestellt. Der bisherige Polizeidirektor werde ins Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei NRW versetzt. Seine sowie die Nachfolge des am Freitag suspendierten Kripochefs übernehmen nun auf Weisung des Ministeriums bis Ende Mai kommissarisch zwei Beamte aus dem Landeskriminalamt.

Übrigens: Den Ermittlern zufolge befinden sich die Originale sämtlicher IT-Asservate, die der Ermittlungskommission „Eichwald“ vorliegen, im Polizeipräsidium Bielefeld. Zur Auswertung – auch dezentral in den übrigen Polizeipräsidien – würden Sicherungskopien genutzt.

Weiteren Hinweisen auf Verbindungen zwischen Beschuldigten und Polizeibeamten sei akribisch nachgegangen worden. Polizeibeamte seien dazu vernommen worden, und es hätten Befragungen auf dem Campingplatz stattgefunden. Bisher gebe es keine Belege dafür, dass Polizeibeamte in die Taten involviert waren oder diese geduldet hätten. Auch Mutmaßungen rund um gemeinsame Vereinsaktivitäten von Beschuldigten und Polizeibeamten hätten sich bislang nicht bestätigt.

Hinweise nimmt die Ermittlungskommission „Eichwald“ unter der Telefonnummer (0521) 545-4215 entgegen.