120-mal am Tag eine Barriere

Emmerthal. Die Deutsche Bahn reduziert seit Jahrzehnten kontinuierlich die Zahl ihrer Bahnübergänge. Die Quere im Zuge der Hauptstraße zwischen Kirchohsen und Emmern hat sie jedoch bislang nicht im Visier. Zwar wird die Zahl der Züge zunehmen – allerdings wohl weniger stark als in der Region bislang befürchtet.

Wer in Emmerthal in die S-Bahn steigen möchte, sollte nicht auf den letzten Drücker kommen. Zumindest nicht, wenn ihn sein Weg mit dem Auto von Kirchohsen aus über die Hauptstraße führt. Denn dann steht er möglicherweise am verschlossenen Bahnübergang und sieht von dort aus seinen Zug vorbeirollen. Die Quere über die Gleise zur Emmern-Seite, wo der Bahnsteigzugang liegt, erweist sich schon heute 120-mal am Tag als Barriere zwischen den Ortsteilen. Und es ist absehbar, dass die Schranken der Hauptstraße, die ihrem Namen Ehre macht, künftig noch öfter verschlossen sein werden. Derzeit sind es an Werktagen im Schnitt etwa fünf Stunden. Rechnerisch kommt also alle zwölf Minuten ein Zug. Wie steht es also um den Bau einer Über- oder Unterführung?

Der Bürgermeister der Gemeinde, Andreas Grossmann (SPD), hat es schon erlebt: Wenn heutzutage Züge über Hameln und Altenbeken umgeleitet werden, sei die Schranke an der Hauptstraße „mehr geschlossen als geöffnet“. Dies führe teilweise zu langen Staus und Wartezeiten. „Diese Erfahrungen haben mich in meiner Auffassung bestätigt, dass zusätzlicher Güterverkehr auf dieser Bahnstrecke nur mit einer verkehrsentlastenden Baumaßnahme realisiert werden könnte“, sagt der Gemeindechef. Doch weder eine Unter- noch eine Überführung seien „ohne Weiteres“ zu realisieren. Das bestätigt auch Markus Brockmann von der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr. Es fehle der Platz für die nötigen Rampen. Planspiele hierzu hat das Rathaus bislang nicht unternommen, und beim Land als Baulastträger der L431 sind die Emmerthaler in dieser Sache auch noch nicht vorstellig geworden, bei der DB Netz AG ebenfalls nicht. Wohlweislich aber hat die Gemeinde das Angebot ausgeschlagen, die Zuständigkeit für die Hauptstraße vom Land zu übernehmen – im Tausch gegen die Berliner Straße.

Wenn man es ernst meinte, dann drängte angesichts des sehr langen Vorlaufs bei Bahnbauvorhaben bereits die Zeit. Denn zum einen verfolgt der Bund das grundsätzliche Ziel, den Güterverkehr auf der Schiene bis zum Jahr 2050 mehr als zu verdoppeln; die zweigleisige Strecke über Emmerthal hat nach offiziellen Angaben eine Auslastung von 52 Prozent, also viel Luft nach oben.

68 Güterzüge

binnen 24 Stunden

Zum anderen betrachtet der Bund die Elektrifizierung der Strecke Elze–Hameln als vordringlich und richtet deshalb sein Augenmerk in diese Region. Zur Berechnung der Wirtschaftlichkeit setzen die Fachleute via Coppenbrügge 40 Güterzüge pro Tag an (bei früheren Berechnungen waren es 49); für Emmerthal in der Verlängerung zählt die Deutsche Bahn derzeit 68 Güterzüge binnen 24 Stunden, nach dem Ausbau gen Elze werden 81 unterstellt (zuvor 92). Bei diesem Szenario würde sich die Verschlusszeit der Schranken pro Tag um etwa eine halbe Stunde erhöhen.

Für die DB Netz AG ist eine „gestiegene Frequenz auf Schiene oder kreuzender Straße“ ein wichtiges Kriterium für den Ersatz eines Bahnübergangs. Ob jedoch die mittelfristigen Zahlen in Emmerthal ausreichen, die Bahn, den Bund und das Land, die sich die Kosten teilen würden, zu einer Investition im möglicherweise zweistelligen Millionenbereich zu bewegen? Wenn, dann wohl eher aus politischen Erwägungen: Die Landesregierung steht dem Weserbergland gegenüber in einer besonderen Verantwortung, denn von ihr soll ohne die übliche Bürgerbeteiligung kurz vor Verabschiedungdes Bundesverkehrswegeplanes 2030 die Initiative zur Elektrifizierung der Trasse Elze–Hameln ausgegangen sein. Somit hätte das Land die Möglichkeit, in Emmerthal für die Folgen, die steigenden Belastungen für die Anrainer, einen Ausgleich zu organisieren.

Grundsätzlich aber haben die Emmerthaler binnen anderthalb Jahrhunderten mit der Eisenbahn leben gelernt. Nach Worten Grossmanns ist der zentral gelegene Bahnhof mit seinem Park-and-Ride-Angebot für die Gemeinde „eine Infrastrukturperle“. Als die Station einst von der Schließung bedroht war, sei es mit viel Einsatz gelungen, sie zu erhalten. Grossmann: „Heute kann ich mich bei denjenigen, die sich damals engagiert eingebracht haben, nur bedanken.“ Der Bahnanschluss sei ein Standortfaktor. Und der Einzelhandel im Ort profitiere von den auswärtigen Pendlern. Deshalb ist der Gemeinde sehr an der Optimierung des Bahnhofs und seiner „barrierefreien Erreichbarkeit“ gelegen. Auch das Parkplatzangebot für „Umsteiger“ – darunter auch die Radfahrer – soll erweitert werden. Der Bahnübergang ist nach Auskunft aus dem Rathaus aber bislang nicht mit ins Auge gefasst worden. Auch nicht eine Sanierung und verbesserte Nutzbarkeit der benachbarten alten Unterführung für Fußgänger und Radler.