Windräder: Eine Fläche reicht aus

Bad Pyrmont. Die Pyrmonter Politik tut sich schwer mit dem Start der erneuten Planung für die Steuerung von Standorten für Windenergieanlagen im Stadtgebiet. Auch im zweiten Anlauf kam es noch zu keiner Entscheidung, weil es zu viele offene Fragen gibt. Vor allen Dingen an der möglichen Ausweisung von Konzentrationsflächen im Wald scheiden sich die Geister.

Eigentlich sollte am Dienstagabend in einer gemeinsamen Sitzung des Bau- und des Forstausschusses mit den Ortsräten und Ortsvorstehern die Entscheidung über die Zustimmung zum räumlichen Gesamtkonzept und vor allem zur frühzeitigen Beteiligung der Öffentlichkeit und der Behörden gefasst werden. Darauf drängt Dr.-Ing. Alexander Reiß vom Büro „Plan und Recht“, das die Stadt erneut mit den Planungen beauftragt hat. Ihm geht es darum, möglichst umfassend Klarheit darüber zu bekommen, wie es um die Eignung der beiden noch im Raum stehenden Suchflächen bestellt ist, um die Argumentationslage für die abschließende Abwägung zu verbessern. Das sei auch der Grund, warum er empfehle, sowohl die Fläche oberhalb von Löwensen als auch das Areal bei Hagen als Suchflächen in das Verfahren einzubeziehen. Dabei halte er die Fläche bei Hagen für besser geeignet als die bei Löwensen und es reiche aus – und das ist neu – nur diese eine Fläche auszuweisen, um der Windkraftnutzung den geforderten „substanziellen Raum“ zu geben, berichtete er. „Je geringer das Flächenreservoire ist, desto notwendiger wird die Abklärung der Nutzbarkeit etwa im Hinblick auf den Artenschutz“, erläuterte Reiß.

Was die Hagener von der Planung halten, ist klar: nichts. Sie hatten im Vorfeld der Sitzung mobil gemacht, um möglichst viele Ortsbewohner ins Rathaus zu schicken. Sie befürchten optische und gesundheitliche Beeinträchtigungen durch die Räder, die mit aktuellen Höhen von bis zu 250 Metern zumindest vom Ort aus zu sehen und zu hören sein würden. Und sie befürchten einen Wertverlust ihrer Immobilien.

„Wir werden auf jeden Fall vom Ortsrat aus einen Mindestabstand von 1000 Metern statt der bislang zur Diskussion stehenden 800 Meter fordern“, sagte Ortsbürgermeister Andreas Müller (CDU) im Anschluss an die Sitzung im Gespräch mit dieser Zeitung. Ihm sei nicht klar, warum nicht im Vorfeld abgeklärt werde, welche Gründe gegen eine Nutzung der 102,5 Hektar großen Fläche sprechen und fragt sich, was denn die Heeresflieger in Bückeburg, die bei Hagen mit ihren großen Hubschraubern Tiefflüge üben, von den Windkraftplänen halten. „Doch die werden erst später danach gefragt.“

Planung betrifft

auch Waldgrundstücke

Und was nicht nur Müller, sondern auch wohl die meisten Zuhörer im Ratssaal nicht verstehen, ist die Tatsache, dass die Planung auch Waldgrundstücke betrifft. Das ist grundsätzlich möglich, weil Wald nicht mehr pauschal ausgeschlossen werden darf, auch wenn eine Nutzung strengen Kriterien unterliegt. „Das wäre für Niedersachsen ein Präzedensfall“, sagte Winfried Aue vom Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium und machte deutlich, dass er die Nutzung der Waldflächen für die Erzeugung von Windrädern ablehne. Die Stadt bewirtschaftet ihre Wälder gemeinsam mit dem Land Niedersachsen und das Land redet mit, wenn es um Entscheidung geht. Aue sprach davon, dass die Flächen bei Hagen und Löwensen wertvollen Baumbestand trügen und im landesweiten Vergleich zähle die Bodenqualität zu den „Kleinodien“.

Die Stadt sitzt hier zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite braucht sie ein neues Flächenkonzept (das alte hatte das Oberverwaltungsgericht Lüneburg gekippt), um die Planungshoheit in den Händen zu behalten und den Wildwuchs von Windrädern zu verhindern, andererseits schließt sie als Eigentümer aus, dass dafür Wald genutzt werden soll. Und das wäre bei Löwensen zu 100 Prozent und bei Hagen zum großen Teil der Fall. „Als Waldeigentümer werden wir einer Nutzung für Windkraft nicht zustimmen“, betonte Bad Pyrmonts Erster Stadtrat Eberhard Weber.

Auch der Regionalplaner des Landkreises Jörg Heine runzelte angesichts der Planungen die Stirn. Er sei gespannt auf die Argumente, mit denen Windräder im Wald begründet werden, denn auch im gerade neu auf den Weg gebrachtem Entwurf für ein Regionales Raumordnungsprogramm hätten die Belange von Natur, Landschaft und Erholung Vorrang, betone er. Er riet aberdringend zu einem Konzept, um die „Verspargelung“ der Landschaft zu verhindern, denn die Gefahr bestehe angesichts der Begehrlichkeiten mancher Grundbesitzer, denen bis zu 30000 Euro für den Bau eines Windrades geboten würden.

Die Hagener und Löwenser erleben jetzt das, was die Bewohner der Bergdörfer in den letzten Jahren durchgemacht haben. Denn bislang stehen nur dort Windräder auf Pyrmonter Gebiet, trotz heftigster Proteste. Dass diese zehn Windräder bei der Beurteilung überhaupt keine Rolle mehr spielen, stieß im Ratssaal ebenfalls auf Unverständnis.

Wohl fühlt sich mit der Situation in den Reihen der Politik niemand. Udo Nacke von der CDU äußerte Unverständnis darüber, dass den Planern, die mit ihrer ersten Planung einen „Scherbenhaufen“ hinterlassen hätten, nun nichts Besseres einfalle, als den Wald zu nehmen und beantragte die Vertagung der Entscheidung. Die Gruppe 17 schloss sich dem an, und SPD-Fraktionschef Uwe Schrader gab der Runde seine Erkenntnis des Abends mit auf den Weg: „Ohne Planung hängt das Damoklesschwert des Wildwuchses über uns.“