Der Aal, die Weser – und ein Kraftakt

Weserbergland (ey). Aalglatt sind die Wasser der Weser in diesen Tagen nicht, eher ungemütlich vom Wind in Wallung gebracht, tief und trüb. Alexander Meyer, Florian Franke und Malte Wilzek sind mit dem Motorboot trotzdem auf dem Hochwasser führenden Fluss unterwegs – im Beisein von Hunderttausenden Glasaalen, die sie zwischen Holzminden und Rinteln ausgesetzt haben. „Täten wir das nicht, würde kein einziger Aal mehr in der Oberweser schwimmen“, sagt Alexander Meyer.

Die Besatzmaßnahme

kostet rund 90000 Euro

Das jährliche Prozedere ist kostenintensiv; in diesem Jahr um die 90000 Euro. Finanziert wird es zu großen Teilen aus Ausgleichszahlungen für Warmwassereinleitungen durch das Kernkraftwerk in Grohnde, andererseits fließen Gelder vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. „Was hier getan wird, ist die Umsetzung einer Richtlinie der Europäischen Union“, sagt Dr. Markus Diekmann, Mitarbeiter im Dezernat Binnenfischerei der Landesbehörde. Und es ist im Interesse der Fischereibezirke, in diesem Fall des Fischereibezirks 8 der Angelvereine, den Aal in der Weser zu halten. Weil es bedeutet, den biologischen Rhythmus des Europäischen Aals (Anguilla anguilla) aufrechtzuerhalten – mit einem Kraftakt.

Durch den Bau von Wehren und Staustufen wurde dem Aal der Aufstieg in der Weser und anderen Flüssen so gut wie unmöglich gemacht. Pikant: Die in den vergangenen Jahrzehnten mit Millionenaufwand gebauten Fischtreppen, die dazu dienen sollen, dass die Flussbewohner die Staustufen überwinden, nützen dem Aal nichts. Kaum einer schlängelt sich hinauf. Und dann ist da noch das Wasserkraftwerk der Stadtwerke, das – bei aller Freude über ökologisch erzielte Energie – unzählige Aale zerschlägt. Turbinentod.

Es ging ihm fraglos schon besser, dem Speisefisch. Nicht jeder mag ihn, den vergleichsweise fettreichen Happen. „Aber es führt kein Weg daran vorbei, dass der Aal ein Traditionsfisch unseres Flusses ist. Er gehört in die Weser!“, sagt Berufsfischer Alexander Meyer. Deshalb brachten er und weitere Fischwirte rund 200 Kilogramm Glasaale an unterschiedlichen Stellen aus. Den Namen tragen die etwa dreijährigen Jungfische, die im Bereich der französischen Küstenlinie mit sehr feinen Gazenetzen vor allem im Golf von Biskaya entnommen wurden, um sie dann in speziellen Transportbehältnissen ins Weserbergland zu überführen, deshalb, weil sie durchsichtig sind. Man sieht die Augen, das Herz, das Gewebe. Ein jedes Exemplar für sich ein kleines, großes Wunder. Denn: Die Laichgebiete der Aale liegen nach neuesten Erkenntnissen in der Sargassosee. „Aber vieles wissen wir über das Leben des Aals auch immer noch nicht. Es gibt weiterhin viel zu entdecken“, sagt Markus Diekmann.

Die Sargassosee ist ein Seegebiet östlich Floridas. Dort waren die Aale geschlüpft. Mit dem Golfstrom lassen sie sich nach Europa wirbeln. Hier wandern sie in großen Schwärmen in die Flussmündungen im Bereich der französischen Atlantikküste. Aale sind wärmeliebende Fische und wachsen bei Wassertemperaturen von etwa 20 Grad Celsius am besten. Nach sieben bis zwölf Jahren sind sie geschlechtsreif und wandern zurück ins Meer zu ihren Laichplätzen. Ein Kraftakt! „Ihr Laich- und Wanderverhalten unterscheidet sie komplett vom Lachs. Er laicht im Süßwasser und wandert dann in die Meere, während der Aal im Meer laicht und zum Wachsen in die Flüsse wandert“, sagt Berufsfischer Alexander Meyer.

Lachs – da war doch was? Die Fischtreppen in Hameln und an anderen für Fische unüberwindbaren Wehren sollten eigentlich auch den Lachs wieder heimisch machen. Eine Besatzmaßnahme mit Junglachsen zu Beginn dieses Jahrtausends sollte den Edelfisch zurückbringen. Das funktionierte aber nicht. „Ein einmaliger Vorgang reicht bei Weitem nicht aus, das muss kontinuierlich getan werden“, sagt Norbert „Fisch“-Meyer aus Hameln. Das sei natürlich kostenintensiv, ganz sicher noch teurer als der Aal.