„Mit Struktur habe ich kein Problem“

Hameln. „Geil!“ – das war das Erste, was Alexandra Meier dachte, als sie ihren Arbeitsvertrag als Alltagsgestalterin im Alten- und Pflegeheim der Julius-Tönebön-Stiftung unterschrieb. Es war ein großer Moment für die 40-Jährige, die über sechs Jahre arbeitslos war. „Langzeitarbeitslos“, wie es beim Jobcenter heißt.

Dass es endlich geklappt hat, verdankt die Hamelnerin einem neuen Gesetz für Langzeitarbeitslose, dem sogenannten „Teilhabechancengesetz“. Dieses ermöglicht es Arbeitgebern seit Januar, Menschen einzustellen, die innerhalb von sieben Jahren mindestens sechs Jahre Hartz-IV bezogen haben.

Die gelernte Fachverkäuferin im Bereich Lebensmittel rutschte unfreiwillig in diese Situation: Sie hatte einen Zeitarbeitsvertrag bei einer Großküche der amerikanischen Streitkräfte in Rheinland-Pfalz, als ein Unfall sie aus der Bahn warf. Ein Jahr brauchte sie, um wieder auf die Beine zu kommen. Ein weiteres Jahr ließ sie sich beurlauben, um sich um ihren pflegebedürftigen Vater zu kümmern, bis er starb. Danach misslang der Wiedereinstieg in den Beruf. Entweder hatten die Arbeitgeber Bedenken, wenn sie das Wort „Krankenhaus“ im Lebenslauf lasen oder wenn sie von ihrer Tochter hörten, die eine leichte Behinderung hat. „Dabei war sie in einer Ganztagsschule untergebracht“, sagt Alexandra Meier. Über 150 Bewerbungen hatte sie geschrieben, weil sie ihren Unterhalt selbst bestreiten wollte, anstatt ihren Kindern vorzuleben, dass das Geld vom Staat kommt.

Alexandra Meier gehört im Landkreis zu den ersten, die vom neuen Gesetz profitieren. Insgesamt sind es 34 langzeitarbeitlose Menschen, die eine Beschäftigung aufgenommen haben, elf weitere folgen. Durchschnittlich kommen monatlich rund 150 langzeitarbeitlose Menschen im Landkreis Hameln-Pyrmont für diese spezielle Förderung infrage. Bundesweit gibt es, Stand Februar 2019, 1558 Langzeitarbeitslose.

Das Jobcenter wird das selbstgesteckte Ziel, 2019 insgesamt 65 Langzeitarbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sogar deutlich überschreiten. „Mittlerweile fragen Arbeitgeber aus allen Branchen bei uns an. Die Chance, mittelfristig gute Fachkräfte für ihren Betrieb zu gewinnen, ist vielen bewusst“, sagt Joachim Schulz. Er ist Coach beim Jobcenter und berät Arbeitgeber, die das neue Gesetz für sich nutzen wollen. Wichtig sei, den langzeitarbeitslosen Menschen nicht als vom Jobcenter finanzierte, billige Arbeitskraft zu sehen. „Vom Arbeitgeber wird Geduld und Verständnis bei der Einarbeitung und bei der Begleitung erwartet“, sagt Schulz.

Mit der Heimleitung des Alten- und Pflegeheim der Julius-Tönebön-Stiftung gab es im Vorfeld viele Gespräche. Ganz einfach war es nicht, den Arbeitgeber zu überzeugen, denn Alexandras 30-Stunden-Stelle ist keine geplante Stelle. „Sie kommt obendrauf und muss engmaschig begleitet werden“, sagt Heimleiterin Angelika Rudolf. So ist es vom Jobcenter vorgesehen und in vielen Fällen notwendig. Menschen, die lange Zeit nicht gearbeitet haben, seien oft hochmotiviert, dennoch fehle es vielfach an Struktur. „Der neue Rhythmus muss erst eingeübt werden“, sagt Rudolf, nimmt ihre neue Mitarbeiterin allerdings davon aus. Alexandra Meier hat nämlich, wie viele Alleinerziehende ohne Job, mit Struktur überhaupt kein Problem. Aufgeregt war sie dennoch, je näher der Arbeitsbeginn rückte. Vom Team, das im Bereich Küche, Pflege und Betreuung zusammenarbeitet, bekomme sie immer Hilfe, sagt Meier. Ihrer Chefin Angelika Rudolf sei sie „unendlich dankbar“.

Und wie gefällt ihr der Job? Den Alltag der Menschen zu gestalten, bereichere sie. Von 7.15 Uhr morgens, wenn der erste nach Kaffee fragt, bis zum Ende um 14.15 Uhr. Besonders gern hört sie die Geschichten, die die Menschen aus ihrem Leben erzählen. „Die haben so viel erlebt.“

Entlohnt wird Alexandra Meier mit 12,76 Euro pro Stunde nach dem Haustarif für Alltagsgestalter. Und über noch etwas ist sie froh. Dass die Mitarbeiterin des Jobcenters, mit der sie einmal in der Woche spricht, ihr bei Formalitäten hilft und mit ihr schnelle Lösungen bei privaten Hürden sucht. „So kann ich unbelastet zur Arbeit gehen.“

Kontakt: Bei Interesse können sich Arbeitgeber unter Telefon 05151/909333 ans Jobcenter wenden.