Historiker will Bauwerk umbenennen

Bad Pyrmont. Zurzeit ist die einsturzgefährdete Hauptmann-Boelcke-Brücke über die Emmer am Tierpark gesperrt. Die Stadt möchte sie durch einen 200000 Euro teuren Neubau ersetzen und hat dafür eine Förderung mit EU-Mitteln beantragt. Für den Historiker Dr. Kai Witthinrich aus Bad Pyrmont stellt sich die Frage, ob ein Jagdflieger und Kriegsheld aus dem Ersten Weltkrieg der richtige Namensgeber für die Brücke ist. Er hat eine Namensänderung angeregt. Wenn am 25. April die Lokale Aktionsgruppe (LAG) des Fördergebietes „Östliches Weserbergland“ in Coppenbrügge über den Antrag Bad Pyrmonts auf Fördermittel entscheidet, dann wird sie ein Positionspapier in ihren Unterlagen finden, das Witthinrich verfasst hat. „Ich bin über den Hauptmann gestolpert und neugierig geworden“, begründet der Historiker, der als Wirtschafts- und Sozialpartner der LAG für den Bereich Kultur die Ortsgruppe Bad Münder im Heimatbund vertritt, seine Initiative.

Seine Recherchen haben ergeben, dass der Jagdflieger Oswald Boelcke, der seinerzeit in einem industrialisierten Weltkrieg für viele Zeitgenossen das verloren geglaubte Ideal eines ritterlichen Kampfes in den Lüften Mann gegen Mann symbolisiert habe, ein Zeitalter des Militarismus verkörpere. „Boelcke rettete zwar auch einen französischen Jungen vor dem Ertrinken, professionalisierte aber gleichzeitig den Luftkampf und schoss in 40 anerkannten Luftsiegen eine entsprechende Anzahl französischer und englischer Soldaten ab“, so Witthinrich.

Dementsprechend hätten auch die Nationalsozialisten den Jagdflieger als Namensgeber für ein Kampfgeschwader der deutschen Luftwaffe genutzt, und nach 1933 seien in Deutschland zahlreiche Umbenennungen nicht nur nach Nazigrößen, sondern auch nach „Heroen“ des Ersten Weltkriegs vorgenommen worden. „Beispielsweise wurden in Göttingen, Hagen und Würzburg alte Straßennamen zugunsten Boelckes geändert, bis diese Erinnerungsorte im Zuge der Entmilitarisierung nach dem Krieg wieder aufgehoben wurden.“ Nicht so in Bad Pyrmont. Hier beschäftigte sich der Stadtrat 1931 erstmals damit, eine Straße oder einen Weg nach dem Offizier zu benennen, und am 19. Oktober 1933 wurde der Weg, der noch heute zu der Brücke führt, nach dem hochdekorierten Offizier benannt, der im Alter von 25 Jahren beim Absturz seines Flugzeuges in der nordfranzösischen Kleinstadt Bapaume starb.

Für Witthinrich steht die Europäische Union nicht nur für Wachstum und Wohlstand, sondern auch für Frieden und Verständigung. „Es entbehrt daher nicht eines gewissen ,Hautgout‘, mit EU-Geldern ein Objekt zu sanieren, das zu Ehren eines Jagdfliegers benannt ist, der in einer Armee des Kaiserreiches den Abschuss von Franzosen und Engländern zu perfektionieren suchte“, argumentiert der Historiker, der es als „Königslösung“ betrachten würde, die Brücke – unter Hinweis auf ihre bisherige Namensgeschichte – künftig als „Europabrücke“ oder „Versöhnungsbrücke“ zu bezeichnen. Das wäre Entscheidung des Stadtrates.

Der Erste Stadtrat Eberhard Weber sieht dafür keinen Anlass. Die Brücke sei weder als solche offiziell per Ratsbeschluss benannt oder gewidmet worden. „Sie ist formal eine namenlose Brücke, die zwei Fußwege in den Emmerauen in Verlängerung des per Ratsbeschluss benannten (19. 10. 1933) und gewidmeten (24. 10. 1969) Hauptmann-Boelcke-Weges verbindet. Die Bezeichnung ,Hauptmann-Boelcke-Brücke‘ ist also eher umgangssprachlich entstanden“, begründet er in Vertretung von Bürgermeister Blome gegenüber der LAG diese Haltung, ungeachtet der Tatsache, dass auch die Stadtverwaltung diesen Namen in ihren Vorlagen für den Rat und im aktuellen Förderantrag nutzt. Auf die Bedenken Witthinrichs geht Weber nicht ein. Das überlässt er dem Bürgermeister, der nächste Woche an der LAG-Sitzung teilnimmt, wenn Witthinrich das Thema vorträgt.

Es mögen viele Städte die Erinnerung an das Fliegerass des Ersten Weltkrieges, dass mit der „Dicta Boelcke“ die ersten Einsatzgrundsätze der Luftkampftaktik entwickelte, aufgehoben haben, doch nicht alle. Bis heute gibt es eine Reihe von Straßen, die nach ihm benannt sind, die nächste in der lippischen Stadt Lage. Und es gibt ein gleichnamiges Luftwaffengeschwader der Bundeswehr, und die offenbar millitäraffine Landesgruppe Sachsen-Anhalt der AfD nennt einen Konferenzraum im Bundestagsgebäude „Boelcke Stüberl“. Anlässlich seines 100. Todestages wurde in Bapaume/Frankreich ein Gedenkstein für den deutschen Jagdpiloten enthüllt. Jean-Jacques Cottel, Bürgermeister von Bapaume und Abgeordneter der französischen Nationalversammlung, bescheinigte Boelcke dabei, dass er die Achtung für den Gegner und die Zivilbevölkerung nie verloren habe.