Stadtbücherei wartet auf Entscheidung

Hameln. Gerade mal fünf Monate durfte sich Eva-Maria Allert mit dem Titel Leiterin der Hamelner Stadtbücherei schmücken, dann musste die Diplom-Germanistin wieder ihren Sessel in der Pfortmühle räumen. Ihr Abgang ging wohl weniger harmonisch zu, als es die offizielle Sprachregelung, man habe sich „im gegenseitigen Einvernehmen“ getrennt, glauben machen will. Wie hinter den Kulissen zu hören ist, war es die Verwaltung, die Bernhard Gretens Nachfolgerin nicht über die Probezeit hinauskommen ließ.

Kurios indes: Auf der Homepage der Stadt fungiert Allert noch offiziell als Stadtbücherei-Leiterin, darf munter in einem dort eingestellten Radio-Interview über ihre Projekte und Ziele Auskunft geben. Die Stadtbücherei soll „sich noch mehr öffnen“, die „Wohlfühlatmosphäre“ stärker in den Vordergrund gerückt und die digitalen Angebote ausgeweitet werden, erklärt Allert, für die auch eine 24-stündige Öffnungszeit denkbar ist. An mangelnden Ideen dürfte es nicht gelegen haben, weshalb sich die Verantwortlichen im Rathaus gegen eine Übernahme von Allert aussprachen. Zu Personalien nehmen wir keine Stellung, teilt Stadtsprecherin Janine Herrmann auf Anfrage mit. Auch Eva-Maria Allert wollte sich nicht äußern. Doch wie geht es mit der Stadtbücherei weiter, deren Chefsessel seit Anfang Februar verwaist ist?

Offensichtlich gibt es in der Verwaltung Überlegungen, den Führungsposten nicht unbedingt wieder zu besetzen. Zumindest wird diese Variante mit Blick auf die kommende Kulturmanagerin ins Auge gefasst. Diese neu geschaffene Stelle tritt zum 1. Juli die Kulturwissenschaftlerin Corinna Wörner aus Göttingen an. Sie soll die Leitung des Kulturbüros übernehmen und damit die Nachfolge von Elisabeth Guske antreten, die sich in den Ruhestand verabschieden wird. „Wir wollen beobachten, wie sich die Kulturmanagerin in Hameln macht und werden mit allen beteiligten Protagonisten darüber nachdenken, ob eine Verzahnung von Kulturbüro und Stadtbüchereileitung möglich und sinnvoll ist“, führt die Rathaussprecherin aus. Mit anderen Worten: Die Konstellation ist denkbar, dass die Kulturmanagerin – unter anderem verantwortlich für das Event- und Veranstaltungsmanagement der Stadt sowie Drittmittelakquise – in Personalunion auch für die Stadtbücherei zuständig sein könnte. Gedankenspiele dieser Art sind eingebettet in die Erstellung eines Gesamtkonzeptes, dass derzeit für die Stadtbücherei erarbeitet wird. In der Sitzung des Kulturausschusses am 23. Mai sollen die Pläne der Politik vorgestellt werden. Kern des Konzepts ist eine Aufwertung der Bücherei zum sogenannten „Dritten Ort“, wie Elke Meyer, Vorsitzende des Kulturausschusses, erklärt. Die Bibliothek als reine Ausleihstelle ist inzwischen überholt. Die Stadtbücherei als „Dritter Ort“ neben dem Zuhause, der Arbeit oder Schule wird immer wichtiger. „Das ist ein Ort, wo ich mich wohlfühle, gerne meine Freizeit verbringe“, führt Meyer aus. Veranstaltungen, Social-Media-Angebote und Kreativräume, sogenannte „Makerspaces“, sind Bestandteile einer Einrichtung, die sich künftig als „Dritter Ort“ den Besuchern präsentieren soll. „Makerspaces“, der US-amerikanischen Bibliothekslandschaft abgeschaut, haben sich mittlerweile auch in der heimischen Bücherei-Welt etabliert. So hat beispielsweise die Stadtbibliothek Köln ihre Angebote in der Musikbibliothek durch einen Makerspace erweitert. Hier sind zahlreiche Möglichkeiten für die Besucher vorhanden, selbst aktiv und kreativ zu werden: Es gibt Programmiersets zum Ausleihen, 3-D-Drucker, Schneideplotter, Geräte zur Digitalisierung von Fotos, Dias und Filmstreifen und Musik sowie iPads mit Musik- und Film-Apps und vieles mehr.

Auch räumliche Veränderungen werden für die Stadtbücherei in den Blick genommen: Der Pachtvertrag mit dem Restaurant im Parterre läuft in absehbarer Zeit aus. Dann könnten, so die Überlegung, die freigewordenen Räume für einen öffentlichen Treffpunkt mit Kaffee- und Kuchenangebot genutzt werden, um zugleich mehr Besucher in die Stadtbücherei zu locken. Eingriffe in die personelle Situation werde es laut Elke Meyer nicht geben. „Die Mitarbeiter der Stadtbücherei brauchen sich keine Sorgen zu machen.“

Sorgen macht sich indes die Bibliotheksgesellschaft Hameln, die seit Jahrzehnten die Stadtbücherei finanziell unterstützt und dort mit eigenen Veranstaltungen wie der „Literarischen Stunde“ oder „Matinée in der Pfortmühle“ regelmäßig das Haus mit Leben füllt. „Angesichts der Größe und Prominenz der Stadtbücherei ist weiterhin eine hauptamtliche Leitung unbedingt erforderlich“, betont Vorstandsmitglied Jürgen C. Kruse. Auch seitens der Verwaltung geäußerte Überlegungen, die gesamte dritte Etage der Stadtbücherei an das ebenfalls in der Pfortmühle untergebrachte und mehr Platz benötigende Stadtarchiv abzutreten, bewertet Kruse als problematisch. „Wo sollen die Bücherbestände denn dann aufgestellt werden?“ Man habe bereits im vergangenen Jahr den Vortragsraum in der dritten Etage an das Stadtarchiv abgeben müssen. Derzeit nutzt die Bibliotheksgesellschaft für ihre Veranstaltungen einen ein Stockwerk tiefer liegenden Raum. „Das ist wirklich umständlich, weil dort auch andere Veranstaltungen stattfinden und die Mitarbeiter der Stadtbücherei permanent umräumen müssen“, führt Kruse aus. „Wir kennen noch nicht die genauen Details des Konzepts. Das müssen wir abwarten und dann weiterschauen“, so Elke Meyer. Letztlich wird die Politik ihr grünes Licht für das Gesamtkonzept zu geben haben – und ebenfalls darüber entscheiden müssen, ob die Stadtbücherei in der Pfortmühle wieder eine eigene Leitung haben wird.