Braune Flecken durchziehen den Wald

Hameln. Nun, da der Frühling die Landschaft wieder grün gefärbt hat, sind die Waldschäden schon von Weitem sichtbar. Großflächige braune Flecken oder Streifen durchziehen das riesige Dach des Stadtwaldes. Sie sind das augenfällige Resultat einer, wenn man so will, Verkettung unglücklicher Umstände.

Die Waldböden waren im Januar 2018 aufgrund des vielen Regens im Vorjahr völlig durchnässt, schildert Forstamtsleiter Ottmar Heise im Gespräch. Als dann „Friederike“ wütete, habe das Orkantief leichtes Spiel gehabt. Zahlreichen Bäume fehlte es am nötigen Halt, sie fielen dem Sturm zum Opfer. Um der Verbreitung des Borkenkäfers vorzubeugen, holte die Forst infolgedessen schnell möglichst viel Holz aus dem Wald, doch der dann folgende extrem trockene Sommer machte dem Unterfangen gewissermaßen einen Strich durch die Rechnung.

Heise spricht von einem Szenario, das die Förstereien nun seit über einem Jahr beschäftige. „Wir befinden uns permanent im Katastrophenmodus“, sagt Heise. Sturmtief Friederike säbelte Anfang 2018 circa 4000 Festmeter Fichte um – außerplanmäßig. Der normale Holzeinschlag liege bei 2000 bis 2500 Festmetern pro Jahr, so Heise. Dann kam noch der Borkenkäfer hinzu, der seit Juli noch mal 6000 bis 7000 Festmeter sogenanntes Käferholz forderte, überwiegend von Fichten, aber auch von Lärchen. Die Bäume sterben ab – und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht.

Das Käferholz habe inzwischen größtenteils aufgearbeitet und verkauft werden können. Für die verbliebenen knapp zehn Prozent behelfe sich die Forst schweren Herzens mit Insektiziden, mit denen sie das Totholz bespritze, um eine weitere Ausbreitung des Schädlings einzudämmen.

„Trockenheißes Klima schwächt die Bäume“, sagt Heise. „Sie sind gestresst.“ Die Bäume könnten sich gegen Schädlinge nicht mehr wehren. Dies täten sie etwa, indem sie harzten und die Borkenkäfer sozusagen ertränkten. Doch wenn sie das nicht mehr schafften, seien sie dem Käfer wehrlos ausgeliefert. „Der Baum verhungert“, sagt Heise. Denn der Käfer lasse sich in der Bastschicht unter der Rinde nieder und durchlöchere das Gewebe, infolgedessen der Baum nicht mehr genug Nährstoffe aufnehmen könne. Der Borkenkäfer vermehre sich schnell und befalle einen Baum nach dem anderen.

Bei den jetzt sichtbaren braunen Flächen handele es sich überwiegend um frischen Borkenkäferbefall. Eine mögliche, aber leider illusorische Gegenmaßnahme wäre ein weiterer Harvester und jede Menge zusätzliche Mitarbeiter, sagt Heise. Dann könnte jeder befallene Baum aus dem Wald rausgeholt werden. Doch beides stehe dem Forstamt Hameln nicht zur Verfügung.

Eine riesige Kahlfläche ist vom Multimarkt aus im Riepenwald zu sehen. Dort hat die Hamelner Forst die von Friederike und Borkenkäfer zerstörten Bäume großflächig rausholen können. An anderen Stellen, wie am westlichen Klüthang, habe Heise die Bäume seinerzeit bewusst stehenlassen. „Der Hang dort ist extrem steil, und da ringsum Laubbäume stehen, droht vom Borkenkäfer keine Gefahr für weitere Fichten“, erklärt der Förster sein Tun. Irgendwann kippen die toten Fichten um. Erst verlören sie ihre Äste, dann ragten sie „wie silbriger Spargel“ in die Luft und brächen schließlich ab. Gefällt würden die toten Bäume aber nur – Stichwort Verkehrssicherung – in der Nähe von größeren Wegen, damit niemand verletzt wird, nicht aber an kleineren Pattwegen. „Dort muss jeder das normale Risiko, das mit einem Waldbesuch verbunden ist, in Kauf nehmen“, sagt Heise. Davon abgesehen: Da es sich hierbei nicht um ein regionales, sondern europaweites Problem handele, stehen die Forsten vor der Schwierigkeit, das anfallende zusätzliche Holz loszuwerden. „Der Markt ist überlastet“, sagt Heise.

Die Witterung in diesem Jahr falle dadurch, dass es immer mal Schauer gebe, bislang etwas feuchter aus als im Vorjahr. „Aber wir haben trotzdem das Gefühl, dass die Waldböden noch nicht wieder ganz gesättigt sind“, meint Heise. Zeichen des Klimawandels? „Die langfristige Tendenz ist eindeutig“, so Heise. „Klimaforscher sind sich weitgehend einig darin, dass die Durchschnittstemperaturen tendenziell steigen.“ Vorsichtig sei er jedoch dabei, das heiße Jahr 2018 mit der Erderwärmung in Zusammenhang zu bringen. „Solche Extremjahre gibt es immer“, weiß er und erinnert sich an die besonders heißen Sommer in den Jahren 1975/76, 1983, 2003 oder 2010.

Gleichwohl zeichnen sich Heise zufolge für Niedersachsen langfristig weitreichende Folgen des Klimawandels ab: 20 bis 30 Prozent weniger Wasser für die Pflanzen, womit manche Arten am Rande des Existenzminimums stünden. „Die Fichte, eigentlich ein Gebirgsbaum, und die Buche sind besonders gefährdet“, sagt Heise. Schon jetzt wiesen auch viele Buchen „massive Schäden“ auf. Sie trieben weniger oder gar nicht aus, was sich an den eher schütteren Laubkronen zeige. Besonders betroffen sei der südliche Basberg. Deshalb sattelt die Forst bei der Bepflanzung um. So sei die Kahlfläche im Riepen mit Douglasien und Eichen bepflanzt und mit Esskastanien besät worden. Als zukunftsträchtig gölten auch die Kirsche, Elsbeere und Weißtanne.

Anlass zum Aufatmen besteht offenbar noch nicht. Nur so viel: „Wir hoffen auf einen kühlen und verregneten Sommer“, sagt Heise.