Schlabber, schlabber, weg damit

Mit Ehefrau Anke Steinemann ist HALLO-Redaktionsleiter Jens F. Meyer im kleinen, alten Renault 4 durch dessen Mutterland Frankreich gefahren. Urlaub ganz klassisch, getreu dem Motto „Lieber ein Châteauneuf-du-Pape zum Drei-Gänge-Menü als ein Luxusschlitten für unterwegs.“ Im HALLO-Sommerferien-Sechsteiler „Mein französisches Tagebuch“ berichtet der Redakteur und Autor von dem, was er am Wegesrand so aufgeschnappt hat. Teil 1: ein Wiedersehen mit Monsieur Carel.

Grand Est / Hauts-de-France-Normandie. Wie putzig. Auf der Route départementale Nummer 37 bei Plomion kreuzen wir das Flüsschen Le Hamel. In Hameln würde es La Hamel – die Hamel – heißen. Ist nur so ein Gedanke, vom Wegesrand aufgepickt, denn sonst erinnert hier in der Region Hauts-de-France nichts anderes an die Rattenfängerstadt. Die Kirche von Plomion ist echt eine Wucht, im wahren Wortsinn, denn so wehrhaft sehen die wenigsten Gotteshäuser aus. Als ob es mal eine Burg gewesen wäre, und oh ja: Burgen liebe ich. Noch lieber: Burgruinen, aus deren Fugenritzen Lavendel, Spornblumen, Goldmohn spießen und ein Sturm der Historie in die Entdeckerseele bläst. Oeuvre aus Natur und Zeit. Das hier aber ist auch schon nicht übel. Der kleine Renault 4 sieht vor dem Portal mit den beiden Türmen aus wie eine Ameise, aber der Winzling, der uns Tausende Kilometer durch Frankreich bringt, macht keine Mucken. Das Motörchen pröppelt, die Savane TL mit 34 PS unter der langen Motorhaube vorne im Wind ist Reise-Rock’n’Roll, und ich bin völlig froh, dass meine Frau Anke ihn fährt, so sicher wie eine Rallye-Pilotin. Madame Sausewind kann mit speziellen Charakteren einfach besser umgehen…

Schnauze voll gehabt von Autos, die alles selber können und bei denen die Scheibenwischer von alleine loslegen, nur weil mal gerade eine Mücke auf die Frontscheibe gepullert hat. Nervig. Da lobe ich mir den R4: alles handfest auf 135er Schmalspurreifen. Die 290 Kilometer, die gerade noch vor uns liegen, um an der Auberge du Val au Cesne anzukommen, im geliebten, gelobten Hotel-Restaurant in der Haute-Normandie, 60 Kilometer vor Le Havre (nicht La Havre!) kommen mir wie ein riesiges Abenteuer vor. Ich liebe es.

Einige Stunden später knirscht der weiße Auffahrtkies unter den Pneus. Angekommen. Immer dieses Gefühl von angekommen, das mich beschleicht, wenn ich das Fachwerk der Auberge sehe, wenn ich Monsieur Carel, Jérôme Carel, die Hand zum Gruße reiche und bei Anke abermals das Versprechen einlöse: „Hier zahle ich.“ Glück hat sie, das muss ich sagen, denn zum Drei-Gänge-Menü steht abends der Châteauneuf-du-Pape auf dem Tisch und kostet nicht weniger als 60 Euro – die halbe Flasche, wohlgemerkt. Vorher Schampus. Egal, „schlabber, schlabber, weg damit“ hatte schon Elie de Rothschild, einstmals Chef des Edelweinhauses Lafite-Rothschild, gesagt, und der muss es ja wohl wissen. In Ehrfurcht auf so ein Etikett zu starren, bringt nichts. Man lebt nur zweimal.

Und was macht Monsieur Carel? Er erkundigt sich, ob sein Essen geschmeckt hat. Rein rhetorische Frage. Immer schmeckt es. Schmatzen, schlummern, schweigen – die drei „schs“ passen auf diese Auberge wie auf keine andere. Und morgens im kleinen Frühstücksraum, wo eine Art Marmeladenglaskathe-drale auf dem Tresen thront, schmeckt es auch. „Ich habe die Konsistenz der Orangenmarmelade verändert. Nehme jetzt mehr Wasser, damit sie streichfähiger wird“, erklärt dieser wundervolle Gastronom. „Ja, die ist noch besser als vor einem Jahr. Wir nehmen wieder sechs Gläser mit“, sagen wir ihm. Und müssen wie immer nur fünf zahlen. Der Kaffee ist schwarz wie eine mondlose Regennacht, die Croissants ein Manifest des Genusses, und als die „Quatrelle“, so nennen die Franzosen ihren R4, mit uns Fahrt aufnimmt und wir mit ihr, hängt der Himmel voller Geigen. Der Pont de Brotonne führt über die Seine, das Auto schnappt sich Kilometer um Kilometer, und wir erreichen Pont-Audemer, das wie Klein-Venedig wirkt. Herzallerliebst, mit Flüsschen durchzogen. Schönste Fachwerkhäuser zieren die Straßen. Das ist der Vorteil, wenn im Krieg die Bomben woanders gefallen sind. Dieser Scheißkrieg. Die Wunden sind verheilt, aber die Narben platzen immer wieder auf. Wir werden sie erfahren. Aber das ist eine andere Geschichte, von der ich in Teil 2 am nächsten Wochenende berichte.