Wenn Ratten rennen und der Rattenfänger erzählt

Hameln. Das Handy vor der Nase – normal. Das Tablet zum Filmen und Fotografieren – machen viele, allen voran Asiaten. Und die lieben Märchen und Sagen. Da liegt es für eine Touristenstadt wie Hameln nahe, eine App auf den Weg zu bringen, mit der Informationen über die Sehenswürdigkeiten, über Sagen, über die Geschichte an den Betrachter gebracht werden können. Treibende Kraft sowie technik- und „Neue-Medien“-affiner Partner ist Südkorea, besser, Dr. Junchul Lim als Geschäftsführer. Er hat die Beta-Version der App jetzt in Hameln vorgestellt.

Ratten rennen quer über die Mettbrötchen, der Rattenfänger steht mitten auf dem Tisch und versucht, die Tiere, die aus allen Richtungen kommen, mit geflöteten Noten zu vertreiben. Erwischt er viele, hagelt es am Ende Bonuspunkte – die, wenn alles nach Plan läuft, später in Hamelner Geschäften eingelöst werden können. Das AR-Spiel „Rattenjagd“ läuft auf dem Handy. AR steht für Augmented Reality, was für „erweiterte Realität“ steht: Dabei sind die Ratten nicht innerhalb einer Spielgrafik auf dem Display unterwegs, sondern es sieht aus, als würden sie auf dem Tisch in der Tourist-Info herumlaufen, der Rattenfänger im Miniatur-Format mittendrin. Das alles zu Demo-Zwecken – denn eigentlich sind sie für den Einsatz in der Innenstadt bestimmt.

Das Spiel ist ein Baustein der App „Hameln 360AR“, die der Südkoreaner Dr. Junchul Lim an diesem Tag präsentiert. Daneben kann der Nutzer sich über Schilder, die später in der Stadt verteilt sein sollen, Informationen über das Objekt ziehen, vor dem er gerade steht. Im Museum, das als erster Partner im Boot ist, könnte dann beispielsweise so ein Sticker neben Exponaten hängen. Möchte der Tourist mehr erfahren über das, was er sieht, hält er das Smartphone vors Schild wie vor einen QR-Code – und schon erscheint ein Rattenfänger, der die Geschichte dahinter erzählt. Irgendwann im Jahr 2020, wenn die App marktreif und für fünf Euro erhältlich sein soll. Hameln bietet: reichlich Geschichtsträchtiges, wunderschöne Häuser, eine weltbekannte Sage. Südkorea bietet: ein großes Faible für Neue Medien, schnellen technologischen Fortschritt, ausgeprägtes Interesse an „Märchen“ – die im Übrigen auch in seiner Heimat nicht etwa übersetzt werden, sondern „Märchen“ bleiben, wie Junchul Lim erzählt. „Wie können Social Media, Augmented Reality, Technologie kombiniert werden mit unserem Thema“, umreißt Tourismus-Chef Harald Wanger den Inhalt der mit Lim eingegangenen Kooperation.

Im Fernen Osten

geboren

Seit zwei Jahren sprechen beide Seiten miteinander und entwickeln die Ursprungsidee „von einer internationalen, spielerischen Hameln-App“, die im Fernen Osten geboren worden sei, fortlaufend weiter. „Märchen Korea“ heißt das Unternehmen, das Junchul Lim gegründet hat. Es soll nicht nur eine Hameln-App anbieten, sondern könnte entlang der gesamten Märchenstraße zum Einsatz kommen. Doch das ist Zukunftsmusik.

In der Gegenwart liegt eine Beta-Version vor, für die zum einen Test-User gesucht werden, und mit der zum anderen um teilnehmende Geschäftspartner geworben werden soll. Die Projektentwicklung sei auch mit öffentlichen Mitteln in Südkorea unterstützt worden, sagt Lim. Die HMT allerdings steigt nicht mit Geld ein, sondern mit der Beschaffung von Inhalten und, so die Hoffnung, mit guten Kontakten zu guten Partnern.

Zuerst werde das System auf Deutsch und Englisch gestartet, danach auch auf Koreanisch, Chinesisch und eventuell in anderen Sprachen. „Der Ansatz ist, den Kunden spielerisch zu informieren. Dazu ist eine charmante Umgebung angelegt worden im international anerkannten Manga-Stil, eine Moderne Märchenwelt um die Stadt Hameln“, erklärt Lim.

Auf Hameln ist Lim gekommen, als er in Kassel den Verein Deutsche Märchenstraße mit mehr als 40 Städten kennengelernt hat. Er habe darin ein schönes Modell für Korea gesehen, wie kleine und mittlere Städte sich „co-vitalisieren“ können. Seine Idee sei es gewesen, zunächst ein kulturelles Austauschmodell zwischen seiner Firma und der Märchenstraße zu starten und „hatte die Qual der Wahl“, mit welcher Stadt er starten könnte. Die Antwort: Hameln, als „sehr berühmte Stadt des Rattenfängers“.

Hamelns Rattenfänger, Michael Boyer, hat die Entwicklung der App von Anfang an vor allem auch als Dolmetscher begleitet. Von der Idee ist er überzeugt und begeistert und sicher, dass sie nach der Testphase eingeführt werden wird. „Garantiert“, sagt er zuversichtlich.