Hier prickelt’s und pröttelt‘s

Mit Ehefrau Anke Steinemann ist HALLO-Redaktionsleiter Jens F. Meyer im kleinen, alten Renault 4 durch dessen Mutterland Frankreich gefahren. Urlaub ganz klassisch, getreu dem Motto „Lieber ein Châteauneuf-du-Pape zum Drei-Gänge-Menü als ein Luxusschlitten für unterwegs.“ Im HALLO-Sommerferien-Sechsteiler „Mein französisches Tagebuch“ berichtet der Redakteur und Autor von dem, was er am Wegesrand so aufgeschnappt hat. Teil 2: die Küste der Befreiung und eine kleine Welt in Rosa.

Normandie. Ein Schampus wäre schön, jetzt, da der Renault 4 mit uns auf der D513 bis nach Trouville-sur-Mer vorangekommen ist. Vorhin noch im hübschen Küstenstädtchen Honfleur gewesen und nach Le Havre hinübergelinst. Vorbei am Hôtel Le Cheval Blanc, berg- und talwärts um enge Kurven herum an der Küstenlinie. Ein graues Band in üppiger Landschaft am jadegrünen Wasser entlang. Die Route départementale 513 ist eine dieser Straßen, die sich tief in das Gedächtnis eines Reisenden bohrt, womöglich in seine Seele, in meine auf jeden Fall. Aber wer mit einer Quatrelle, so nennen die Franzosen das charmante Autochen, durch ihr Mutterland knattert, der hat viel Platz in seiner Seele und reist mit leichtem Gepäck. In Trouville und Deauville, den mondänen Badeorten der Städter, die aus Paris anreisen, ist der Schampus aber zu teuer, und anstatt R4 fahren sie hier Porsche und Bentley. Langweiler.

In aller Regel ist ein guter Crémant an weniger umschwärmten Orten ohnehin prickelnder als ein Champagner; das Prickeln der Entdeckung nach jeder neuen Kurve können freilich beide nicht übertreffen. Und später, längst landeinwärts durch Beaumont-en-Auge gefahren, prickelt‘s erst richtig, denn an der Straße stehen Dutzende R4 und Enten, an denen der Rost mindestens so stark nagt wie die Zeit. Ach, hätte sie doch nur geöffnet, die Firma, aber BL Auto Retro ließ einen riesigen Zaun ums Gelände installieren. Die Inhaber wissen wohl, warum.

Abends in der Auberge de la Mue in Thaon, nordwestlich von Caen. 16 Grad Celsius im Badezimmer sind definitiv zu wenig. Die Hoteliers sehen das anders. Schließlich sei doch fast Sommer. „Ja, mag sein, aber nur fast“, sage ich dem grummeligen Gastwirt. „Heizung wäre gut.“ Er fummelt am Kessel herum, aber wärmer wird‘s nicht. Auch egal, im Restaurant ist‘s genau so kalt, dann essen wir eben schneller und schlüpfen nach dem Duschen flugs unter die Decke. Ach nein, das Duschen fällt aus, das Wasser wird nicht warm. Was für ein schäbiges Tagesfinale…

Es mag die einzige Enttäuschung auf dieser Reise sein. Spätestens in Reviers, einem hübschen Dorf nahe dem Küstenabschnitt, wo die Alliierten 1944 gelandet sind, um den Nazis den Arsch zu versohlen – und danke, lieber Gott, dass sie das geschafft haben! –, ist die Abendenttäuschung von gestern schon der Tagesfreude von heute gewichen. Von einem Plateau blicken wir auf Arromanches-les-Bains. Riesige Betonklumpen in der Brandung. Die Wunden des Kriegs. Verstörend der Shop an dieser Gedenkstätte. Ich halte von Panzermodellen und T-Shirts mit D-Day-Aufdruck nichts. Der elende Krieg wird zu Geld gemacht. Eine seltsame Sache. Schon der Parkplatz (eine geschotterte Fläche) kostet drei Euro. Reicht jetzt.

Auf nach Bayeux, Bayeux, wo ein 68 Meter langer Teppich von der Eroberung Englands durch den Normannenkönig William, der Eroberer, erzählt. Ganz großes Kino. Gegenüber der riesigen Kathedrale sieht das „Les Volets Roses“ winzig aus. Agathe und Sophie – mit Vornamen halten sich die Beiden nicht erst auf – haben an der Rue des Chanoines eine rosarote Schnabulierbude geschaffen. Ein zauberhaftes Etablissement. „Darf ich ein Foto von Ihnen machen? Ist für die Zeitung“, frage ich sie. „Na klar.“ Mutter und Tochter nehmen sich in die Arme und lachen vergnügt. Ein Kaffee noch, dann adieu Bayeux.

Der kleine Renault bahnt sich seinen Weg über verschnurzelte Straßen und Ortschaften mit teils verhutzelten Häusern. D572. D999. D51. Für viele Menschen mag es nur Nummernsalat sein, für mich sind es Kennzeichen der Leidenschaft, die diesmal zu einer Abteiruine führen, über der die Sterne knistern. Aber das ist eine andere Geschichte, von der ich in Teil 3 am nächsten Wochenende berichte.