Küchlein, Kirchlein und Kerham

Mit Ehefrau Anke Steinemann ist HALLO-Redaktionsleiter Jens F. Meyer im kleinen, alten Renault 4 durch dessen Mutterland Frankreich gefahren. Urlaub ganz klassisch, getreu dem Motto „Lieber ein Châteauneuf-du-Pape zum Drei-Gänge-Menü als ein Luxusschlitten für unterwegs.“ Im HALLO-Sommerferien-Sechsteiler „Mein französisches Tagebuch“ berichtet der Redakteur und Autor von dem, was er am Wegesrand so aufgeschnappt hat. Teil 4: ein religiöses, aber nicht sehr katholisches Törtchen und die nach Karamell duftende Bretagne.

Bretagne. „Eine Dunstglocke hängt über Moncontour. Die bretonische Stadt, die der Zeit entrückt zu sein scheint, fast so, als befänden wir uns im Mittelalter, ist ein Funkelstein Frankreichs. Sie zählt zu den „Petites cités de caractère“, den kleinen Städten mit Charakter. Überreste einer alten Burganlage sind eng verzahnt mit der ganzen Stadt, die ein Städtchen ist von hohem Wert, eingebettet ins Vallée de l‘Évron. Steile Wege führen hinauf ins Zentrum, wo es alles gibt, was man braucht. Kiosk, Kirche, Kneipe. Dazu ein Restaurant, einen Schlachter – und nicht zuletzt Monsieur Loïc Poireau, der Pâtissier. Seine Törtchen sind leidenschaftliche, süße Verführung. Das ist sowieso so eine französische Eigenart: Große Tortenschlachten werden in Frankreich nicht geschlagen. Pâtissiers kreieren lieber viele kleine. Und hier steht eine Armada, bunt durchgestylt, mit Crème und Schoko, Nuss und Nougat. Monsieur hat ihnen Namen gegeben wie „Religieuse pas très catholique“, „Paris Brest“ oder „Médiéval“, so als wenn jede Kreation eine Seele in sich trüge. Dass Monsieur Poireau ganz außerordentlich auch ein Augenzwinkern mit verbacken hat, dürfte klar sein. Denn ein „nicht sehr katholisches Küchlein“ ist … nun ja … nicht sehr katholisch eben.

Noch die Restkrümelchen in den Mundwinkeln tragend, erobern wir Moncontour mit seinen kleinen Läden und dem Katzenkopfpflaster, besuchen das Kostüm-Theater von Madame Carolyne und durchleuchten den Nieselregen mit gierigen Blicken, wie sie nur Entdecker vor sich hertreiben. Am nächsten Tag, der Regen ist verschwunden und die Sonne erhebt sich über der Stadt, führt die Reise auf der D768 südwestwärts, das puckernde Herz der Bretagne spürend, diesem Land am Meer, in dessen Wald von Brocéliande Zauberer Merlin waltet und Asterix mit Obelix und Idefix die Römer vergaukelt. Ich liebe dieses Land, wie ich seine Menschen liebe. Ist man einmal in ihren Herzen gelandet, entlassen sie einen daraus so schnell nicht. Durchs Tal des Blavet geschlängelt, vorbei an Kirchlein wie die Chapelle Saint-Nicodème, die aus dem Kornfeld zu wachsen scheint, und durch himmlische Orte gefahren wie Saint-Nicolas-des-Eaux, Villeneuve-Jaquelot oder Saint-Barthélmy, deren Namen einen Wohlklang haben, der dem sanften Prasseln der Perlen eines Pétillant gleichkommt, erreichen wir die Küste. Lorient! Gelobte Stadt, du weiße Stadt am Atlantik. Immer wenn ich die ersten Häuser aus der Ferne sehe, spüre ich unerfüllte Heimat in mir.

Und nichts hat sich geändert. Jean-Marc, ein treuer Freund geworden während all der Jahre, lässt in Larmor-Plage die Korken knallen. „Mit dem R4 hierher gekommen, schon wieder. Ihr seid verrückt!“ Santé. Auf die Gesundheit. Und die Bretagne. Denn es dauert nur einen Tag und eine Nacht lang, bis uns Annie Chauvelon, eine „Pure-Butter-Bretonin“ und doch ganz und gar überzeugte Europäerin, die Schätze ihrer Heimat zeigt: „Hier bin ich oft. Ich sitze an den Steinen, die vor Jahrtausenden von Menschen gesetzt worden sind und fühle mich dem Ganzen sehr verbunden.“ Annie ist Künstlerin. Ihre Werke tragen die Seele ihrer Heimat, dieses mystischen Landes am Meer. Sie spricht so gut deutsch, wie ich mir wünschte, einmal französisch sprechen zu können. Die Steine, die sie erwähnt, sind die Megalithen von Kerham, einer Miniortschaft nur fünf Steinwürfe von der Küstenlinie des Atlantiks entfernt. Rundherum blüht der Stechginster. Er füllt den Wind mit Düften von Karamell und Schokolade, und obwohl ich mich hier auf einem enormen Teil Geschichte befinde, denke ich plötzlich wieder an die Törtchen des Monsieur Poireau aus Moncontour.

Dabei kommen noch ganz andere Genüsse auf uns zu, auf meine Frau und mich und den R4 natürlich. Aber das ist eine andere Geschichte, von der ich in Teil 5 am nächsten Wochenende berichte.