Von Jens F. Meyer

Nach 30 Jahren ausgiebigen Muschelverrockens habe ich mir neue Lautsprecherboxen gegönnt, und das kam so: Meine Endstufe, genauso alt und damals nicht die billigste, war voll durchgebritzelt; es roch nach verschmortem Kunststoff, und es kam mir vor, als wenn ein graubraunes Wölkchen mich umwaberte. Nebel des Grauens. Nichts ging mehr. Falsche Musik kann eine Mörderin sein. Die Platte, die dazu führte, dass es mucksmäuschenstill geworden war und stank, habe ich als Diskus Richtung Weserwelle geschleudert. Ich entwirrte den zugestaubten Kabelsalat hinterm Hifi-Turm, entnabelte die Komponenten voneinander, schnappte mir den Soundschmelzofen, um ihn in einem Fachgeschäft mit Meisterwerkstatt reparieren zu lassen – und da sah ich sie: neue Boxen, diese Luder. „Reparieren Sie die Endstufe, und dann kaufe ich mir die Dinger da. Wird Zeit, den Klang zu verbessern.“ Ich zeigte auf zwei schwarze Blocks, halb so groß wie die alten Teile. „Nehme ich mit, wenn ich die Endstufe wieder abhole.“

Vorgestern war‘s soweit. 500 Tacken auf den Tresen gelegt, mitgenommen und zuhause alles hübsch zueinander verkabelt. Dicke Kupferdrähte, die dicksten, die ich kriegen konnte, verbinden den alten Verstärker mit den neuen Boxen. Und die Siedlung hat ein veritables Lärmproblem, an dem ich arbeiten sollte…

Denn ich legte „I‘m in a philly mood“ ein, Daryl Halls Meistersolosahnestück aus 1993. Den Lautstärkeregler drehte ich auf 14 von 40 – und obwohl also nach oben hin Luft ist, fiel die kleine Schirmlampe nach 232 Sekunden wie eine Bahnschranke. Die Leuchte stand schon auf dem Vorgängermodell, jetzt soll sie auf dem neuen Lautsprecher zur Linken ihren Dienst als Latüchte verrichten. Ich werde sie antackern müssen, denn die Bässe bringen sie zum Tanzen, und ich, im Delirium des Genießenden verfangen, schaute ungläubig aus der Wäsche, als sie fiel. Es ist nichts weiter passiert, aber wenn tote Materie ein Eigenleben entwickelt, ist man besorgt. Kennt man aus vielen Büros.

Ist doch ein Ding, oder? Da bringt ’ne Ballade eine Leuchte ins Lummerland, weil die Bässe wummern wie Presslufthammer-Bernhard in der Baugrube. Seither versuche ich, daraus einen Wettbewerb zu machen, probiere neuen Input, gehe mit den Silberlingen ins Bett, lege sie unters Kopfkissen und hoffe auf Erkenntnis. Welcher Song haut das Lämpchen am ehesten raus? Bislang war keiner schneller als Daryl Hall… Teufel noch eins, es ist aber auch ein muskulöser Schokonougatschmachtfetzen. T-Bone Wolk, späterer musikalischer Leiter der „Daryl‘s House“-Sessions, zupft Bass und Akustikgitarre und es hört sich an, als wenn er höchstpersönlich in den neuen Boxen säße. Überraschend indes, dass unter deutlicher Zuhilfenahme von Programming durch Sequenzer das heiße Teil dennoch eine Seele mit sich herumschleppt. Solche Techniktechtelmechtel so klug einzusetzen, um den Song nicht in die Bedeutungslosigkeit driften zu lassen, ist eine Kunst. Hall und die Seinen haben sie auf dem „Soul alone“-Album in allerhöchster Intensität ausgelebt und zu einem Kunstwerk verschmelzen lassen, dass in dieser Singelauskopplung seine volle Kraft erreicht. Und Daryl, der Schmachtende, von dem ich behaupte, einer der besten fünf Singer/Songwriter forever zu sein, singt so ergreifend, dass jede Zeile wie eine Befreiung klingt, obwohl jede Strophe, jedes Wort ein Schrei nach Liebe ist.

Oh, let‘s make it groove

Taking it nice and smooth

I‘m in a philly mood.

Oh, Baby come down

I wanna hold you now

I‘m in a philly mood.

Nach 232 Sekunden fällt die Lampe, wetten?

Sonntag gegen 11.30 Uhr auf Radio Aktiv. Das Weserbergland in „Philly“-Laune – am