„Grande Finale“ mit Rosé am Château

Mit Ehefrau Anke Steinemann ist HALLO-Redaktionsleiter Jens F. Meyer im kleinen, alten Renault 4 durch dessen Mutterland Frankreich gefahren. Urlaub ganz klassisch, getreu dem Motto „Lieber ein Châteauneuf-du-Pape zum Drei-Gänge-Menü als ein Luxusschlitten für unterwegs.“ Im HALLO-Sommerferien-Sechsteiler „Mein französisches Tagebuch“ berichtet der Redakteur und Autor von dem, was er am Wegesrand so aufgeschnappt hat. Teil 6: Frauenzungen, Käse geräuchert und das Parfum des Abenteuers.

Val de Loire / Burgund / Champagne. Frauenzungen schmecken in Sully-sur-Loire nach Mandeln und Marzipan. Man muss das nicht knutschenderweise erfahren, zumindest nicht zwingend, sondern geht zu Jean-Francois Ayrole. Die Pâtisserie befindet sich an der Rue du Grand Sully, dort ist das Gebäck der Renner und mindestens so beliebt wie das große Schloss des Städtchens, dessen imposante Architektur das Mittelalter ins Jetzt befördert. Herrlich, diese Schlösser an der Loire, komplett berauschend, und doch werden wir nach Gien und Briare, wo Schiffe und Boote im wahren Wortsinn über den Fluss fahren, weil der Canal Latéral den Strom atemberaubend kreuzt, von Ihrer Majestät La Loire Abschied nehmen, um in die Franche-Comté zu gleiten. An den Wassergärten in Bléneau beißen wir zur Mittagspause ins Baguette und werden von zwei Bisamratten und fünf Enten umringt. Die wollen etwas abhaben, ein paar Krümel kriegen sie. Einige Kilometer vorangekommen, würden wir auf der Terrasse der Bar Le Bacchus in Mézilles nicht auf die Idee kommen, auch nur ein Stückchen vom Käse abzugeben, den Wirtin Geneviève zum Sauvignon kredenzt. „Chèvre fumé“, sagt sie. Es bedeutet Ziegenkäse geräuchert. Köstlich. Wir sitzen im Zentrum dieses Ortes im Beisein der Kirche Saint-Marien, und als die Gläser leer sind – kleine Gläser, weil auch ein R4 nicht von alleine fährt –, nehmen wir noch zwei Laibe für unterwegs mit und halten Mézilles in bester Erinnerung.

Hinter Toucy tanken wir. 16,5 Liter. Das wäre nicht weiter von Belang, wenn nicht der Durchschnittsverbrauch unseres friedvollen Roadrunners bei nunmehr 5,7 Litern pro 100 Kilometer läge, was allen Umweltschutzmieserednern Wind aus den Segeln nehmen dürfte. Noch mal zum Mitschreiben: 5,7 Liter. Ein Allerwelts-90-PS-Benziner von heute schafft das meistens nicht. Und für hypermoderne Hybriden und E-Autos müssen Batterien gebaut werden, die noch schlimmer sind als jedes blaue Dünstlein, dass hier aus dünnem Endrohr als Abenteuerparfum entschwebt..

Die Reise führt uns weiter durch die Franche-Comté in die Champagne-Ardennen. Die Tage vergehen, die D-Straßen werden nicht müde, uns ihr Geleit zu geben. In der Region Côte d’Or treffen wir in Montigny-sur-Aube auf ein Schloss. „Hat es geöffnet?“, frage ich den Postmann. „Ja, Sie müssen an der Tür schellen, auf der hinteren Seite“, sagt er. Es dauert eine Minute, dann geht die Pforte auf. „Mein Wunsch war es schon immer, dieses historische Denkmal zum Leuchten zu bringen“, sagt Marie-France Ménage-Small. Sie hat das geschafft. Es gebe keine Zufälle im Leben, alles habe seine Bestimmung. Die Kapelle ist ein Juwel aus dem 16. Jahrhundert. Die Obstgärten sind nach Vorbild des 19. Jahrhunderts angelegt worden. Die Geschichte des gesamten Komplexes begann im 12. Jahrhundert. Marie-France Ménage-Small verfolgt den Plan, in Zukunft auch Zimmer zu vermieten, und wie sie das erzählt, schenkt eine ihrer Angestellten roséfarbenen Pétillant ein. Vor der Prachtkulisse schmeckt er doppelt gut.

Welch eine wundervolle Reise geht nun ins Finale! Der R4 britzt gut geölt über die ländlichen Straßen. Wir erreichen Arc-en-Barrois, übernachten abermals in einer Ortschaft, in der es kein Rathausfenster ohne Blumenschmuck gibt, der morgens von einem Monsieur mit Traktor gegossen wird, und wo die Fahne der Trikolore stolz über dem Eingangsbereich thront. Kirche, Mairie, Hotel, ein Marktplatz und einige Häuserzeilen. Ansichtskartenkulisse. Kaum, da am nächsten Morgen Croissants und Baguette weggemümmelt sind, brechen wir auf, passieren das 600 Meter lange Eisenbahnviadukt von Chaumont mit seinen 96 Bögen und gelangen im Laufe des Tages nach Lafauche. Nun gut, zunächst gelangen wir nach Préz-sous-Lafauche, was so viel bedeutet wie Knapp-unter-Lafauche, aber über Knapp-unter-Lafauche ist eben Lafauche, ein 70-Einwohner-Dörfchen, in dem vom Château nicht mehr viel übrig geblieben ist. Es kümmert uns wenig, denn was wir nicht mit Augen sehen, spüren wir mit dem Herzen. Außerdem ist da Monsieur Adenot, der heute Museumsdienst hat, Käse aus der Milch bereitet, die die Schafe der Festung liefern und gerne über Burg und Dorf spricht.

Und als wir Domrémy-la-Pucelle durchfahren haben, jenen geschichtsträchtigen Ort, in dem Frankreichs Nationalheldin Jeanne d‘Arc zur Welt gekommen war, gelangen wir über Straßen, die wie an der Schnur gezogen sind, nach Nancy. Hélène Schneider, Historikerin, wohnt dort und lässt uns teilhaben an der Schönheit einer Stadt, die mit dem Portal am Palais des Ducs de Lorraine, heute Lothringisches Museum, der Place Stanislas und ihrer barocken Kathedrale zu überzeugen weiß. „Es gibt hier so viel zu sehen. Sie müssen wiederkommen“, sagt sie, als wir mitten auf der Place d‘Alliance stehen. „Und bis dahin sollten Sie Ihr Französisch verbessern.“

Und wir dachten, wir wären schon weiter. Aber das ist eine andere Geschichte, von der ich lieber erst einmal nichts erzähle…