Von Jens F. Meyer

’Cause tonight, tonight,

tonight, oh-oh…

I’m gonna make it right

Tonight, tonight, tonight, oh-oh

Granatensong, Freunde! „Tonight, tonight, tonight“ schwankt zwischen Lust, Last und Entlastung, zwischen Gier, Gefangenschaft und Befreiung. Nie zuvor hatte die Rockband Genesis über Drogenabhängigkeit gesungen, hatte sich dem Thema entzogen, vermutlich, weil Collins, Banks und Rutherford clean waren wie ein frisch gepuderter Babypöter. Damals aber, 1986 im Frühsommer, das Album „Invisible Touch“ zum visible global player aufstrebend, schickten sie neben radiokompatiblen Poprockdiamanten wie dem Titelsong oder „Land Of Confusion“ auch dieses neunminütige, dunkle Monster um die Welt, und es fließt wie bestes Zeugs in meinen Saftstraßen. Musik ist ’ne mächtige Droge

Ohnehin war mir Phil Collins immer lieber als Peter Gabriel. Das ist die Gnade der späten Geburt. Dieses Durchgeistigte, mit dem Gabriel erzengelgleich seine Visionen maskentragend in Melodien versäuselte, war zu einer Zeit, als ich noch mit der Trommel um den Christbaum lief, und später hat mich das nicht mehr interessiert. Da ging es um gradlinige Songs und Sounds, und ach o weh, groß war das Geheul in der Genesis-Fan-Base, als Anfang der Achtzigerjahre auf Collins‘sches Geheiß fürs „Duke“-Album mit den Phenix Horns gar Bläsersätze eingebaut wurden, die bei den späteren Soloalben des Meisters wie selbstverständlich ein tragendes Gerüst wurden. Die Sache hatte einen Haken: Genesis klang wie Collins. Die Trompeten blieben eine Ausnahme, waren 1983 auf dem nächsten „Genesis“-Album wieder verschwunden.

Ich saß im Sommer 1987 gummibärenfutternd im Niedersachsenstadion und blickte erwartungsvoll auf die große Showbühne. Heute blicke ich zurück auf diesen Abend, diese Nacht. Ich war dabei! Und ich werde heute erneut den Song inhalieren. „Tonight, tonight, tonight“ ist unsterblich, weil: zeitlos. Fast 34 Jahre sind vergangen, seitdem die drei Briten ihn geschrieben hatten, aber an Frische und Finesse hat er nichts eingebüßt. Collins‘ Drum- und Percussionarbeit ist extraordinär, Rutherford zieht E-Saiten-Schleifen wie schleichendes Gift durch das sprühende Soundgemenge, so als wenn die Ursuppe der Sterblichkeit in den Adern sich mit Blut vermengt, und Tony Banks‘ Tastenspiele tropfen als Funken aus dem Höllenfeuer. Das alles findet sich, verlässt sich, fließt erneut zusammen. Es ist eine dramatisch-faszinierende Komposition, ruhelos und aufreizend. Collins‘ Stimme verheißt die hässliche Fratze Satans in jeder Zeile:

I got some money in my pocket

About ready to burn

I don’t remember where I got it

I gotta get it to you.

Besser hat er selten gesungen, obwohl er sehr oft sehr gut gesungen hat. Er balanciert riskant. Mag man dieser Rockband also wirklich vorwerfen, damals Millionen Menschen mit straightem Poprock glücklich gemacht zu haben? Ich jedenfalls nicht, denn ich gehöre zu den Glücklichen, und angesichts von „Domino Part I & II“ und dieser Bestie der Nacht, deren Töne nie verklingen, strahlt das „Touch“-Album aus dem Meer hervor wie Gold, das schwere Fluten an Land strömt. Ich habe versucht, mit Radio Aktiv-Chefredakteur Anton Posnak zu verhandeln. „Anton“, habe ich gesagt, „Anton, ich komme mit einer Flasche Schampus, wenn Ihr das Teil in voller LP-Länge spielt.“ Aber neun Minuten passen nicht ins Hauptprogramm. Gespielt wird also die kürzere Single-Version. Aber die Wirkung bleibt berauschend.

Radio Aktiv spielt „Tonight, tonight, tonight“ an diesem Sonntag gegen 11.30 Uhr.