Stimmung und Steine

Von Jens F. Meyer

Hameln. Wenn Pflasterfest gefeiert wird, dann richtig: mit 80 Bands auf sechs Bühnen und zwei DJ-Areas. Hamelns größte Party des Jahres startet an diesem Freitag, und sie ist ohne Zweifel ein Grund zur Freude, denn Stadtmanager Dennis Andres und sein Orga-Team haben erneut ein Top-Programm zusammengestellt. Dennoch lohnt auch ein Blick zurück, denn das Pflaster, das Hameln hier feiert (und feiern lässt) und das für alle Bauabschnitte (Pferdemarkt, Osterstraße, Bäckerstraße, Randbereiche und Tunnel Grüner Reiter) zusammen etwas mehr als sieben Millionen Euro Steuergelder kostete, gefällt auch sieben Jahre nach der Sanierung der Fußgängerzone längst nicht jedem. Neuestes Problem: Viele Hamelner bemängeln nicht zuletzt aufgrund der Hitzesommer, dass zu wenige Bäume und zu wenig Grün vor allem auf Oster- und Bäckerstraße zu finden sind. Die Verwaltung mauert bekanntlich mit dem Argument, hier würden Versorgungsleitungen liegen. Das Pflaster – noch immer schließt es manche Wunde nicht.

Denn da sind diese Steine, deren fragwürdige Herkunft uns das Pflasterfest jahrein, jahraus in Erinnerung ruft. Ich werde diesen Albtraum nicht los, in dem ich kleine chinesische Kinderhände vor mir sehe, die den Granit bearbeiten, damit er in einem mitteleuropäischen Städtchen den Menschen zu Füßen liegen darf. Für eine Moralpredigt ist es zu spät, das Zeug ist 2012 und 2013 verbaut worden. Eigentlich schon zu lange her, um darüber zu richten, aber uneigentlich gärt das Thema nach wie vor. Das Pflaster ist auch sieben Jahre nach der Fertigstellung für viele Hamelner eine Wunde, die immer neu aufbricht, wenn wieder Fugen verfüllt werden müssen.

Die Stadtverwaltung sagt, dass „in unregelmäßigen Abständen nachgeschlämmt werden“ muss. Bislang wurden Teile dieser Arbeiten noch immer von der Firma Boymann im Rahmen der Gewährleistung abgedeckt, daher kann zu den Kosten pro Jahr noch keine belastbare Aussage getroffen werden. „Letztlich halten sich die Kosten aber im Rahmen“, heißt es dazu aus dem Rathaus. Fakt ist: Beim in der Ritter- und Emmernstraße gar nicht hässlichen Betonstein musste seit der Fertigstellung nicht einmal nachgeschlämmt werden. Ach, wären doch die anderen Straßen damit versehen worden … – aber das wurden sie nicht. Man ist gewillt, den Entscheidern im Rathaus daraus noch heute einen Vorwurf zu machen, aber die Sache ist diffiziler. Dass von den einstigen Probepflasterungen in der Bäckerstraße letztlich keine den Zuschlag erhielt und dieser Granit verbaut wurde, ist auch auf Bürgers Wille zurückzuführen. Wir erinnern uns: Es gab ein gescheitertes Bürgerbegehren und eine Mehrheit für das, was da jetzt liegt. Es gab einen Bauwagen auf dem Pferdemarkt, in dem Verwaltungsobere und Ratspolitiker Rede und Antwort standen. Und es gab Einwohner, die die Dinge unkommentiert laufen ließen, sich aber nun beklagen. Auch das ist Teil der Wahrheit.

Es bestehen zumindest berechtigte Zweifel daran, dass chinesischer Granit mit der Weserrenaissance etwas zu tun haben könnte. „Es handelt sich um Naturstein. Wir betrachten es als nachhaltige Lösung, denn dieses Material ist sehr langlebig und resistent gegen Schmutz. Zudem gilt das Natursteinpflaster als zeitlos, es ist nicht irgendwelchen Modeströmungen unterworfen“, lässt die Stadt verlautbaren. Fast schon ein Schenkelklopfer. Nachhaltigkeit bedeutet jedenfalls ganz etwas anderes.

Aktuell wird über mehr Grün im Zentrum der Stadt nachgedacht, laut sogar, das ist gut. Bäume in der Innenstadt – dieses Thema ist nun wirklich uralt, wurde schon diskutiert, als noch keiner darüber nachdachte, die Fußgängerzone überhaupt zu sanieren. Die aktuellen Diskussionen könnten darauf schließen lassen, dass zumindest hier nicht perspektivisch genug gedacht wurde. Wer heute beim Pflanzen von Bäumen von störenden Versorgungsleitungen spricht, verschweigt, dass all diese Rohre und Strippen im Zuge der Fußgängerzonensanierung offen lagen. Das hätte in der Tat besser laufen können. Ja: müssen.

Sei‘s drum, nun liegt es da und wird mit Füßen getreten, das Pflaster, und wir feiern darauf ein schönes Fest. Gut ist das, und ganz ohne Ironie so gemeint. Aber man wünschte sich, dass die verschiedenen Elemente der Neugestaltung unserer Weserpromenade – sicher mit das wichtigste Großprojekt für die Stadt in den kommenden Jahren – unter einem glücklicher leuchtenden Stern vonstattengehen. Bis es soweit ist, wird noch viel Wasser über die Wehre fließen. Und wer auch immer Visionen und Ideen zur Gestaltung beiträgt: Als Bürger vorher den Mund zu halten und später zu meckern, wäre genauso falsch wie die Nonchalance, mit der mancher in Rat und Verwaltung sagt, Hameln hätte eine der schönsten Fußgängerzonen in Deutschland. Das soll die Qualität und Berechtigung des Pflasterfestes nicht infrage stellen, nur: Kritisch zu bleiben, auch im Nachhinein, ist so viel besser, als sich dauerhaft etwas schönzureden. Die Wahrheit liegt sicher irgendwo dazwischen, bisweilen zwischen den Steinen in den Fugen. Aber verschweigen sollten wir sie nicht.