Von Jens F. Meyer

„Auf Achse“ war voll mein Ding: Ich war ein Dreikäsehoch, verpasste keine Folge und baute mir die Laster später in Lego nach, mit denen ich dann durch die Sofalandschaften im Wohnzimmer Terminfracht bis nach Kissenstadt zu bringen hatte. Ich fühlte mich wie ein Fernfahrer, ich fühlte mich wie Manfred Krug, der in dieser Fernsehserie damals Gas gab zwischen Hamburg und Haiti. Mann, das war richtig klasse. Dass er ein ausgezeichneter Jazzsänger war, konnte ich doch nicht ahnen – und hätte mich damals auch nicht interessiert, ehrlich nicht. Ich war voll „auf Achse“. Heute ist es eine „Sentimental Journey“.

86 Folgen gehen nicht spurlos an einem vorbei; da gibt’s dann auch schon Abnutzungserscheinungen. Aber der Mann hat sich schauspielerisch immer wieder neu erfunden, und als er dann als Tatort-Kommissar mit Kollege Brockmüller (gespielt von Charles Brauer) durch Hamburg stöverte, verquickten die Produzenten des Sonntagskrimis sein musikalisches Talent kurzerhand mit dem Filmischen – als die Herren Kommissare in Rente gingen, gab’s ein Album, ein richtiges fürs reale Leben: „Tatort – die Songs“. Wenn Klaus Doldinger etwas produziert, kann’s nicht schlecht. Und wer hat’s produziert? Klaus Doldinger.

So hebe ich den Humpen auf Manfred Krug und Charles Brauer, seid gegrüßt, Ihr zwei Beiden, im Himmel (Krug starb 2016) wie auf Erden (Brauer lebt in der Schweiz), und eine Stimme, es ist meine Stimme, soll Euch empfangen. Weit ins Land hinaus singe ich mit Euch:

Gonna take

a sentimental journey

Gonna set my heart at ease

Gonna make

a sentimental journey

To renew old memories …

Immer denke ich daran, wie Stöver alias Krug dabei ’ne Zigarre pafft und anfängt, zu singen, während „Brocki“ die Mundharmonika bemüht. Obwohl das mit Rockmusik nichts zu tun hat, rockt es unheimlich; zwei coole Typen bringen locker-flockig die alten Weisen wieder ins Spiel, und ich komme nicht umhin, mitzusingen. Denn ich kenne keine Schubladen in meiner musikalischen Ausrichtung, es gibt nur zwei Arten: gute Musik und schlechte. Das hier ist gute.

Eigentlich ein olles Teil, zuerst von Les Brown in Rille pressen lassen. Wie viele Künstler seinen Hit aus den Vierzigern reloaded schmetterten, ich weiß es nicht. Doldingers Produktion mit Krug und Brauer ist aber von erster Güte, weil sie melancholisch ist, ohne die Tränendrüse zu sehr zu bemühen. Das haben die Beiden fabelhaft hingekriegt: großes Kino für die Ohren, nichts ist übertrieben interpretiert, alles fließt so einfach und ist durchzogen von humoresker Note. Spitzbübisch würde ich es nennen, das gefällt mir besonders.

Nun hätte die alte Schnurre womöglich besser in ihren letzten Fall „Tod vor Scharhörn“ (Erstausstrahlung 7. Januar 2001) gepasst, aber sie erklang schon in „Arme Püppi“ (10. Mai 1998). Unter Doldingers Ägide ist ein feines Stöfflein entstanden, für das übrigens kein Geringerer als Wolfgang Haffner damals am Schlagzeug saß. Der wiederum spielt im November zwei Shows im „Doubletime“-Jazzclub in Hameln, der jetzt kurz vor der Eröffnung steht. Aber das ist eine andere Geschichte. Und deshalb hebe ich erneut erst einmal den Humpen und saufe ein Bier nach guter Brauer Art aus einem großen Krug!

Sonntag gegen 11.30 Uhr Radio Aktiv An diesem spielt „Sentimental Journey“ von Manfred Krug und Charles Brauer