Von Jens F. Meyer

Die Neunzigerjahre waren weniger schlecht, als gemeinhin behauptet wird. Ja, sicher, bisweilen ging’s unheimlich deppert zu; ich blicke mit Abscheu und Entsetzen auf den Eurodancequatsch von La Bouche, Culture Beat und Mr. President, von dem, ach du meine Güte, manches Teil den Weg in meine Plattensammlung gefunden hatte. Bis heute nicht ausrangiert. Peinlich. M People steht da ebenfalls. Noch so ’ne typische Gruppe aus jenen Jahren, aber der freakige House‘n‘Soul-Pop mit perlenklarer Stimme von Heather Small plagt mein Gewissen never ever, und „Itchycoo Park“ macht auch nach über zwanzig Jahren nicht den Eindruck einer ausgelutschten Genremucke.

Aus Progressive Rock

eine House-Perle gemacht

Beziehungsweise nach über fünfzig Jahren, weil es die Small Faces waren, die 1967 auf ihrem Album „Ogdens‘ Nut Gone Flake“ dieses Lied in klassischer Gitarrenbassschlagzeugorgelbesetzung aus dem Köcher geschmurgelt hatten. Als Mike Pickering und Paul Heard fast drei Jahrzehnte später das hübsche Teil mit einem reißenden Beat untermauerten und aus dem angerüpelten Progressive Rock galanten Housefunksoul machten, wussten die wenigsten auf den Tanzflächen um die Geschichte. Small Faces – wer is‘n das?

Es wirkt auf mich, als wenn M People „Itchycoo Park“ in ein Säurebad getaucht, es neu lackiert und aufpoliert hätten, ohne dem Grundgerüst einen Riss zuzufügen. Ein Oldtimer, der an Wert gewonnen hat, ein Strahlemann. Es gibt unzählige Coverversionen, die aus einstigem Gold nur übles Blech hervorbrachten. Hier ist das nicht so. Eine perfekte Basslinie und das moussierende Keyboardspiel geben dem feinen Beat Struktur. Heathers Stimme ist alles andere als small. Alles fließt. M People macht „Itchycoo Park“ zu einer Hymne des Fröhlichen. Ich sag’s ja immer: So ein Spaziergang mit der Liebsten ist eine tolle Sache:

Ich gehe über die

Seufzerbrücke.

Um meine Augen an

lauschigem Grün zu laben.

Unter verträumten Halmen.

Im Itchycoo Park,

da war ich wohl.

So weit ein Teil der Übersetzung. Keine Ahnung, was die Texter Steve Marriott and Ronnie Lane damals so alles intus hatten. Im Folgenden ist‘s nicht weniger wirr, und letztlich wird gebetsmühlenartig die Zeile „It’s all too beautiful“ wiederholt, was nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als dass der Protagonist außer sich ist vor Glück. Ein Tanz im Verträumten, um den Himmel zu berühren und high zu sein.

Was diese Version vom Original unterscheidet, ist das Selbstverständnis einer Gruppe, ein Lied ultraleicht fliegen zu lassen. Man kann‘s im Auto hören, im Hintergrund bei einem guten Essen oder voll aufgedreht für die Tanzfläche servieren: „Itchycoo Park“ ist universell und trotzdem nichts Hingefuddeltes; es ist ein Stück Neunzigerseele und bleibt womöglich länger im Sinn als das Original. Ach, es ist alles too beautiful.

Sonntag gegen 11.30 Uhr Radio Aktiv . Diesen spielt„Itchycoo Park“ von M People