Von Jens F. Meyer

… hinabgestiegen in das Reich der Verstaubten! Ich vermute, diese Scheibe seit dem Tertiär nicht mehr aufgelegt zu haben. So ist das manchmal; man steht paralysiert vor seiner Schallplattensammlung und fingert etwas aus der Versenkung hervor, von dem nicht klar ist, wie es seinen Weg dorthin gefunden hatte. In Regalreihe fünf vollzog meine Pupille jedenfalls ’ne stramme Miosis. Ich fixierte das Album „the lead and how to swing it“, und yeah: The one and only Tom Jones vagabundierte aus den Hundertschaften zu mir. Im Vollhonknetzhemd mit Sixpack brüllt er auf dem Cover mit geschlossenen Augen seine Freude in die Welt, und sein Brustkorb offenbart ungefähr die Weite des Snowdonia-Nationalparks, nur ohne Tiere hoffentlich. Aber es hat was Animalisches.

Wobei das vorher klar war, dass er tierisch gut singt. Ich habe ihn live in Hannover erlebt. Die schlagerhafte Attitüde konnte er nie wirklich ablegen, in concert schon mal gar nicht. „Green green grass of home“, „What’s new pussycat“ oder „Puppet man“ könnten auch von Roland Kaiser oder Howard Carpendale sein und sind nicht gerade dazu angetan, mich in Entzücken zu versetzen. Dass ich dennoch dort war, lag erstens an meinem Job als Journalist in Ausbildung: Ich war jung und brauchte das Geld, weshalb ich unter anderem auch die Wildecker Herzbuben und die Flippers rezensierte (oh Gott, was habe ich alles getan…). Zweitens aber drehte der walisische Tausendsassa mit dem 1994er-Album seinen angemufften Sound volle Öre auf links und engagierte für den galoppierenden Zweiundfünfzigminüter Typen wie Produzent Teddy Riley und – jetzt kommt’s: DJ Battlecat. Kampfkatze! Ich lach‘ mich heute noch aus der Hose – wer sich so einen Künstlernamen zulegt, hat lupenrein ein’n in der Krone. Für dieses Business unersetzlich

„If I only knew“ ist der Opener. Ein Schrei, ein Beat, schon ist die Nummer auf Crashkurs Tanzfläche. Dass die Produzenten das Topping einer Langspielplatte gleich zu Beginn servieren, ist zwar ungewöhnlich, aber trotzdem köstlich. „If I only knew“ kommt eine Doppelfunktion zu: Es bringt die Platte kompromisslos in Fahrt und vereint alle Stilrichtungen, die in der Folge breit ausgelebt werden: Funk, Soul, Disco, Pop – und eine Stimme, die länger zu hören ist als ihr eigenes Echo Echo Echo.

Da wummern Bässe wie U-Boot-Motoren, es kreisen fette Keyboardsounds über galant gestrickten Harmonien, und wo Platz ist, wispert der Meister lasziv in Koexistenz cooler Backgrounds. So lässig ist Tom Jones, dass ich vermute, diese Platte ist bei all den anderen Scheiben, die er veröffentlicht hat, auch für ihn ein funkelndes Goldstück. „If I only knew“ ist die glühende Kohle unter nackten Fußsohlen: Kein Stillstand ist möglich, alles bewegt sich. Es hat ja auch kein Geringerer als Trevor Horn produziert, britischer Meistermixer, der 1979 mit den Buggles „Video killed the radio star“ einen Welthit hatte, dann aber lieber hinter den Reglern für Furore sorgen wollte und zu einem der meistgefragtesten in seiner Branche emporstieg. ABC, Lisa Stansfield, Paul McCartney, Tina Turner … und dieses Prachtstück von Tom, dem Außergewöhnlichen. Gemixt und geschüttelt, mit allerhand Programming versehen, während Schlagzeug und Gitarre eher als Garnitur herhalten. Das komplette Arrangement ist pervers gut. Es ist, als wenn die Luft brennen würde.

„If I only knew“ heißt „wenn ich nur wüsste“, ja, wenn ich nur wüsste, warum ich diese Brachialdiscofreude so lange ungenutzt unter all den anderen CDs schlummern lassen habe, wäre ich schlauer. Aber ich leg‘ noch einen drauf: Bei der Durchsicht meiner Maxi-CDs habe ich den Song auch noch als affengeilen „Inner City Club Mix Vox Up“ herumliegen, sechseinhalb Minuten wummbumm. Den spielen wir dann zum Jahreswechsel in der HALLO-Hi(t)Story-Silvestershow. An diesem Sonntag kommt mit dem normalen „Cold Stop Version“ erst mal das Aufwärmprogramm.

Radio Aktiv am Sonntag gegen 11.30 Uhr. spielt „If I only knew“ von Tom Jones