Gratis Bus fahren? Öffi-Chef winkt ab

Von G. Erol Hesse-Öztanil

Hameln. Der Bus hält am ZOB, die mit vollen Weihnachtstaschen bepackten Fahrgäste steigen ein und können sich über ein besonderes Präsent freuen: Die Fahrt mit den Öffis ist an diesem Tag kostenlos. Die Szene ist natürlich reinweg fiktiv, könnte aber Realität werden, wenn Hameln den Weg ginge, der in Hannover eingeschlagen wird – zumindest testweise. So soll in der Landeshauptstadt der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) am Samstag vor dem ersten Advent zum Nulltarif angeboten werden. Bus und Bahn können dann im Stadtgebiet kostenlos genutzt werden. Mit dieser Aktion am 30. November wollen die Verantwortlichen ausloten, ob dieser Anreiz dazu führt, dass mehr Menschen ihr Auto stehen lassen und den ÖPNV nutzen. Ein klimaschonender Effekt wäre ebenfalls vorhanden: Wenn stärker auf den öffentlichen Nahverkehr statt auf das Auto zurückgegriffen wird, verringert sich der Ausstoß an Stickstoffdioxid.

Der Testlauf in Hannover ist allerdings umstritten und wird auch in der Zentrale der Öffis in Hameln kritisch beäugt. Gratis-Fahrten wird es im Landkreis Hameln-Pyrmont nicht geben, entgegnet Öffi-Chef Arne Behrens. „Ich bin kein Verfechter des kostenlosen ÖPNV und halte solch ein Vorgehen für Symbolpolitik.“ Mit einem Einnahmeverlust von rund 200000 Euro wird in Hannover gerechnet, wenn ein Tag lang die Fahrgäste keine Tickets lösen. „Ein kostenloser Nahverkehr ist das falsche Signal“, meint Behrens. Zumal den finanziellen Verlust letztlich der Steuerzahler zu tragen habe.

Der Geschäftsführer der kreiseigenen Verkehrsgesellschaft Hameln-Pyrmont (VHP) verfolgt eine andere Strategie und setzt auf das Prinzip der Nachhaltigkeit und nicht auf eine einmalige Aktion in der Weihnachtszeit. „Wir fahren ein langfristiges Konzept, das aus Sicht des Kunden einfach, günstig und berechenbar ist“, erklärt Behrens.

Mit der Umsetzung der Tarifreform im Februar 2017 wurden Verbindungen erweitert und Taktungen ausgedehnt, um den Nahverkehr benutzerfreundlicher zu gestalten. Mit kreisweit 15 Prozent mehr Fahrplankilometerleistung weiteten die Öffis ihr Angebot gegenüber dem vorherigen Fahrplan aus. Zugleich wurden der Ticketpreis um durchschnittlich 36 Prozent gesenkt, das Angebot am Wochenende verbessert und Kapazitätsengpässe im Regionalbereich weiter abgebaut. Das Ergebnis: Seit Einführung der Tarifreform haben die Öffis mehr Fahrgäste gewonnen. So war in 2017 ein Zuwachs von rund 18 Prozent zu verzeichnen, der wurde im vergangenen Jahr nochmals um 5,4 Prozent gesteigert und in 2019 rechnet Behrens mit einem Zuwachs „von zwei bis drei Prozent“ bei den Fahrgastzahlen. Man sei preislich „sehr günstig“, betont der Öffi-Geschäftsführer und verweist darauf, dass die letzte Tariferhöhung vier Jahre zurückliege und in absehbarer Zeit an keine Anhebung der Preise gedacht werde. Dass die Öffis auf einem guten Weg sind, belegt die jährliche Kundenumfrage. Dabei werden Angebot, Verkehrsmittel, Sicherheit, Tarif und Haltestellen bewertet. Während der deutschlandweite ÖPNV-Branchendurchschnitt bei 2,88 stagniert (auf einer Notenskala von 1 bis 5), verbesserten sich die Öffis in diesem Jahr von 2,61 auf 2,49.

Der Nahverkehr ist für den Landkreis ein Zuschussbetrieb, und natürlich müssen auch die mit der Tarifreform verbundenen Einnahmeverluste kompensiert werden. Bei zehn Millionen Euro lag der Zuschussbedarf 2018 – eine Summe, die auch in diesem Jahr an die Öffis fließen dürfte.