Sonntag für Sonntag – naja, nicht jeden – schlich ich mich von Allschwil, einem Vorort von Basel, über die „grüne Grenze“ ins Elsass. Alle zwei Stunden kam ein Grenzer mit Schäferhund vorbei, den man abwarten musste – dann ging es querfeldein ins nächste Dorf. Das war Anfang der Siebzigerjahre und die Mini-Röcke auf dem tiefsten Stand. Mein Ziel: ein schlichter Gasthof mit schmalen, schlanken Tischen und schlichten Bänken. Der Grund: Ein lauwarmer Gugelhupf, der als Begründung für eine sehr kalte Flasche Gewürztraminer herhalten musste.

Ein besonderer Kuchen, nicht so süß wie üblich, fast ein bisschen salzig, der sich wunderbar mit dem so typischen Elsässer Wein verbindet. Die ideale Zeit: 11 Uhr Vormittag, wenn früher die Menschen aus der Kirche in die Kneipen strömten. Die einzige Gefahr: dem Grenzer bei Nachhauseweg in die Arme zu laufen. Auch wenn im Wein nicht immer Wahrheit liegt, sorgloser macht er auf alle Fälle. Aber sonst: Ein Genuss, an den ich nach 50 Jahren noch genüsslich erinnere.

Was den Gewürztraminer betrifft (der im Elsass sehr kalt getrunken wurde, sodass die kleinen, konisch geformten Gläser immer beschlagen waren): Den Weinhändler, dem man auch sonst vertraut, so lange nerven, bis er entnervt aufgibt und immer ein paar Fläschchen auf Lager hat. Nächster Knackpunkt, wenn man es nicht selber macht: Die Gattin oder Lebensgefährtin oder wer auch immer in der Küche den Löffel schwingt und bereit ist, das eigene, tradierte Rezept in einschneidenden Punkten zu ändern.

Mehl Zucker Salz Butter Eier Milch Hefe Rosinen Mandeln Was es braucht: 500 g , dazu 75 g , 10 g – zum Start genügen zunächst 5 g, die sich nach und nach aufstocken lassen –, 200 g gehören dazu. Nehmen Sie Süßrahmbutter, die es mittlerweile fast überall gibt und sich fürs Kochen einfach besser eignet, dann noch 2 , 200 g und 1 Würfel mit den üblichen 42 g. Außerdem 80 g helle und 50 g gehobelte .

Schön, wenn sich im Haushalt eine Napfkuchenform findet – ich benutze dazu gerne eine gebrannte Tonform aus Fredelsloh, als dort noch ein Zentrum der Töpferkunst zu erleben war. Es geht aber natürlich auch mit Blech. Die Hälfte der Milch, also 100 g, leicht erwärmen und darin die Hefe auflösen. Mit etwas Mehl und 1 TL Zucker zu einem sämigen Teig verrühren und ruhen lassen, bis er sich wohlig verdoppelt hat. In der Zwischenzeit das restliche Mehl mit dem übrigen Zucker, den Eiern, dem Salz und der restlichen Milch verrühren. Ich mache das gerne mit den Händen, weil ich a) gerne mantsche und b) so die Übersicht über den Teig und seine Konsistenz behalte. Die Butter erwärmen und einarbeiten. So lange kneten, bis der Teig nicht mehr an den Fingern klebt. Jetzt kommt das aufgegangene Hefegemisch dazu, gut durchkneten und in einer Schüssel etwas zusammenpressen. Mit einem Tuch bedecken und an einem warmen Plätzchen sich selbst – vor allem aber: in Ruhe lassen. Mindestens eine Stunde.

Die Rosinen im warmen Wasser quellen lassen, abgießen und abtrocknen. Zuletzt den Teig aus der Schüssel nehmen, „zusammenschlagen“ – hört sich brutaler an, als es ist – und die Rosinen unterkneten. Jetzt die Backform großzügig ausbuttern und mit den Mandelblättern bestreuen. Den Teig einfüllen, der gut bis zur Hälfte der Form reichen soll. Wieder mit dem Tuch bedecken und gehen lassen, bis er oben angekommen ist. Ab in den auf 210 Grad vorgeheizten Ofen und 45 Minuten backen lassen – bis er außen hellgelb ist und innen locker-luftig, was sich nur erahnen lässt. Betörende Düfte durchwabern das Haus.

Sollte der Gugelhupf – was er nicht sollte – zu braun werden, rechtzeitig mit Alufolie abdecken. Röstaromen ist das Letzte, was wir hier brauchen. Kurz abkühlen lassen und aus der Form stürzen. Mit etwas Puderzucker bestäuben. So frisch, noch lauwarm, schmeckt Hefegebäck allemal am besten. Auch ein alter Krapfen taugt nur noch für die grüne Tonne. Daran ändert die selbst gemachte Himbeermarmelade nichts.

Ein Schicksal, das dem Gugelhupf à la Elsass mit Sicherheit erspart bleibt, solange noch Gewürztraminer in Flasche und Glas ist. Einfach genial, dieses Zusammenspiel zwischen dem nur schwach gesüßten Kuchen und dem Gewürztraminer mit seiner fulminanten Fruchtigkeit mit wenig Säure und ein bisschen Restsüße. Herr, lass es ganz schnell wieder Sonntag werden – und schau gnädig darüber hinweg, dass der Pfarrer seinen Messwein wieder alleine trinken musste.

Herzlichst, Ihr

Richard „Ricki“ Peter