Von Jens F. Meyer

Als ich den Namen Capaldi hörte, dachte ich zunächst an Jim – Jim Capaldi, ein Schlagzeuger, der mit Steve Winwood 1967 die Gruppe Traffic gegründet hatte, eine Rockband mit Birmingham‘schen Wurzeln, die als Verbindungsstück zwischen der Spencer Davis Group und Cream ein paar herrliche Akzente setzte, aber auch darüber hinaus immer mal wieder in Erscheinung trat. Zu dieser Zeit lag Lewis Capaldi aber noch als Käse im Schaufenster; der Typ ist ja erst 1996 auf die Welt gekommen, also zwei Jahre, nachdem das letzte Studioalbum von Traffic erschienen war („Far from home“). Mit Traffic hat er jedenfalls so wenig zu tun wie mit Jim Namensvetter.

Aber gute Musik, die kann er auch! „Bruises“ steht über allem, was er bislang zuwege gebracht hat, und ich fürchte, dass es in der Capaldischen Setlist auf Jahre hinaus als Opus magnum gelten wird, weil der junge Mann hier mit einer Stimmlage heraufkreucht, die wie aus dem tiefsten Tiefen eines dunklen Sees, auf dem die Entengrütze sich als stumme grüne Decke gelegt hat, aus einer anderen Welt aufzutauchen scheint. Und es geht sogar um Wasser.

There must be something

in the water.

’Cause everyday

it’s getting colder.

And if only I could hold ya.

You’d keep my head

from going under.

Er versucht erst gar nicht, den schottischen Akzent zu kaschieren, er lebt ihn vielmehr so deutlich aus, als wenn er justament fastnackt wie Gollum dem moosigen Grunde seiner Highlands entsprungen ist. Nichts ist hier heiter, nur heiser. Es geht um Liebe, in tausend Teile zerschmettert. Das Lied ist elbischen Charakters, und wenn die Filme nicht schon alle abgedreht worden wären, hätte „Bruises“ die dunkle Melodie über den Trilogien von „Der Herr der Ringe“ oder „Der kleine Hobbit“ sein können. So aber – und das ist ja auch mal eine echte Überraschung – kriecht der von Piano und finsterem Gemüt begleitete Lewis Capaldi mit seinem Stück Popkultur die Playlists in den Radiostationen hinauf, sogar des Morgens, wenn die Moderatoren in den einschlägigen Sendern so gute Laune versenden, dass mir übel wird. Ja, auch dorthin hat es „Bruises“ geschafft, ein schier unglaublicher Bruch zwischen all den Tralalamusiken.

Und doch, o weh, kaum freut‘ ich mich, haben ein paar Popanzproducer der Scheibe einen wummernden Beat untergelegt, die aus der Ballade eine Disconummer macht. Piano, Stimme und Stille sind zerstört. Das fühlt sich ungefähr so an, als wenn ein schottisches Pub nur noch Fruchtsaft ausschenkt und für Scones keine Clotted Cream mehr übrig ist. Hätte nicht sein müssen.

Sonntag, gegen 11.30 Uhr, Radio Aktiv An diesem spielt „Bruises“ in der stillen Piano-Verson.

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