Von Jens F. Meyer

Wie perlender Champagner umschäumt Louis Armstrongs „Moon Song“ jeden Augenblick. Lustvoll fließt das Lied aus den Lautsprechern und prickelt in all seinen Facetten. „Satchmos“ Rhapsodie an die Liebe schwebt auf Lunas fahlen Strahlen tief in unsere Herzen hinein, bis in den Süden mit weißen Stränden und kleinem Café am Deich, dort, wo wir eins sind mit uns, uns finden und verlieren und unseren Feuern Scheite geben, um auf diese Weise das Knistern in den Sternen hören zu können.

Ein Meisterwerk strahlt

in den Zimmern des Lichts

Hier, in diesem Zentrum des Lichts und der Liebe, landet Armstrongs Meisterwerk – eines von vielen des wahrscheinlich einflussreichsten Jazzmusikers aller Zeiten, der dieses Genre als Erster zu einem Podium für Solokünstler werden ließ und dadurch einen Stilbruch in die Wege leitete, von dem die Jazzer rund um den Globus noch heute zehren und ewig zehren werden.

Das Austarieren von Leichtigkeit und Schwere, von Melancholie und Freude, von fliegen und landen ist Armstrongs großes, großes Pfund, mit dem er einen Spannungsbogen baut, der wie die Brücke zwischen seinem bronchitis-heiser unverwechselbaren Gesang und dem sinnlichen Trompetenspiel ist. Es klingt selbst in Moll wie Dur. Wenn er nichts von beidem tat, dieser Zauberer der Melodien, 1901 geboren und 1971 verstorben, dann breitete sich sein gewinnendes, neckisches Grinsen übers Auditorium bis hinüber zur letzten Reihe aus, und keiner, der diese Wärme nicht spürte. Ich sehe dies in alten Schwarz-Weiß-Filmen und habe doch den Eindruck, dass alles in bunte, fröhliche Farben getaucht ist. Das können nur Helden. Armstrong, über den ein gewisser Duke Ellington sagte, er sei „die Inhaltsangabe des Jazz“, war einer, weil er keiner sein wollte. Darin liegt die Kunst.

Dass er ein so bedeutsamer Jazzer wurde, wird daran liegen, dass Louis Armstrong dort aufwuchs, wo der Jazz geboren wurde: New Orleans. Schon im Alter von sieben Jahren, beide Scheißweltkriege noch vor sich und als dunkelhäutiger Knabe an vielen Orten ohnehin nicht gerade mit offenen Armen empfangen, stand „Satchmo“ singend auf den Straßen und verdiente sich ein paar Taler. Nur Musik, nichts als Musik, nie wollte er etwas anderes tun, und wenn in New Orleans der Jazz geboren wurde, dürfte Armstrong als Geburtshelfer deutlich dazu beigetragen haben. Kein Wunder, dass später so viele Künstler mit ihm musizieren wollten, unter anderem Ella Fitzgerald und der kanadische Jazzpianist Oscar Peterson. Im „Moon Song“ streichelt Peterson übers schwarzweiße Board, als wenn in Vollmondnacht Sternschnuppen regnen würden.

„It came gliding into my heart

riding on a moon

beam from above.

Sorrow ended

and the whole world blended

in a rhapsody of love.“

„Es kam in mein Herz geschwebt und ritt auf einem Mondstrahl von oben. Das Leid endete und die ganze Welt vermischte sich in einer Rhapsodie der Liebe.“ – Abgesehen vom poetischen Ausmaß solcher Verse singt Louis Armstrong, als habe er den Auftrag, alle gebrochenen Herzen dieser Welt wieder zu kitten. Hingebungsvoll drückt er die Worte aus tiefer Empathie gegenüber dem Guten aus seiner Kehle, posaunt nicht laut herum, sondern trompetisiert feinfühlig und finessenreich, um schließlich das elegante Tastenspiel eines Oscar Peterson zu empfangen. „Moon Song“ schwebt. Eigentlich ist‘s ein „Full Moon Song“, aber Armstrong reicht die schmalste Sichel, um daraus etwas Wunderbares werden zu lassen.

Sonntag, gegen 11.30 Uhr, Radio Aktiv An diesem spielt „Moon Song“ nicht nur für Mondsüchtige.