Jim Keltner touchiert die Felle mit Ehrfurcht vor jedem Ton, so als wolle der legendäre Schlagzeuger diese Komposition segnen für alle Ewigkeit. Bazouki und Mandoline flimmern hervor, niemals im Übermaß und immer mit der gebotenen Stille, die Marc Cohn als Meister der Stille dem gedankenschweren Song geschenkt hat. Auf dem warmen Strom seiner unerschöpflich an Sonnenstrahlen reichen Stimme glimmen Hammond-Orgel und Piano nur sehr zurückhaltend in diesen kostbaren fünf Minuten Popmusikgeschichte, die sich mit jeder Zeile, mit jeder Sekunde vom edlen Lied zum anrührenden Gebet verändern. „Rest for the weary“ ist tiefste Wehmut in allen Facetten: den musikalischen, den textlichen und den unerklärlich aufwühlenden, die zwischen den Zeilen stecken.

He bought himself a business
Worked seven days a week
Took a holiday for Christmas
Then he fell asleep
beside the tree.

Da ist der Vater, der gearbeitet hat, Tag für Tag überfleißig und verlässlich, und nur an Weihnachten Urlaub machte. Da ist die Mutter, die ihren Mann unterstützte, die Familie zusammenhielt, und auf einem alten Foto genau so müde aussieht, und nach all den Jahren betet Marc Cohn nun zu Gott, dass es Liebe für die Einsamen gibt und Ruhe für die Müden. Er spannt den Bogen von seinen Eltern zu all den Hörenden, die sich hier fallen lassen und sicher sein dürfen, aufgefangen zu werden. Weil der Singer-Songwriter aus Cleveland (Ohio) sie spüren lässt wie er. Und weil sie mitsingen werden. Ich tat’s vom ersten Hören an, als ich das Album „The Rainy Season“ 1993 kaufte und es seither als eines der lyrisch wertvollsten in meinem Plattenschrank erachte.

One day
There’s love for the lonely
One day
We walk in the sun
One day
Rest for the weary
Rest for the weary ones

Der Titel ist Programm: Es wirkt in seiner Ganzheit wie der allmählich verschwindende Schimmer eines Regenbogens. Eine ergreifende Erfahrung, die obgleich der inhaltlichen Schwere eine gewisse musikalische Schwerelosigkeit mit sich trägt. Es ist eben eine hohe Kunst, jedes Instrument teilhaben zu lassen, ohne dass sich auch nur eines in den Vordergrund spielt. Bei „Rest for the weary“ ist es perfekt. Alles bildet eine Einheit, greift ineinander, und wo das wortreiche Gewölk verweht, legt sich des Sängers ergreifender Schlussausruf „Owoahoho, woahoho yeah“ raureifgleich wie ein Pflaster auf unser blutendes Herz.