Hameln-Pyrmont (ey). Immer weniger Arten, immer weniger Tiere. In diesem Sommer fällt der ohnehin seit Jahren rückläufige Schmetterlingsreichtum bedenklich gering aus. Die Rispen in strahlendem Flor stehender Sommerflieder sind kaum besucht, Sonnenhutblüten locken nur wenige Falter. Zwar ist das Aufkommen partiell halbwegs zufriedenstellend, insgesamt aber schlagen Naturschützer Alarm. Ein Brandbrief des HALLO-Redaktionsleiters.
Kein Anruf bei irgendwem. Recherche nicht notwendig, wenn man die Antworten ohnehin schon vorher kennt. Dass es unserer Umwelt nicht gut geht, leugnen die einen und wissen die anderen – ganz vielen dazwischen ist es scheißegal. Das ist das Problem. Kein Aufschrei, nur Dummheit. Für sie sind Schmetterlinge eine Randerscheinung, für mich ein jeder Falter, der fehlt, eine Träne wert. Bläulinge habe ich in diesem Sommer nicht entdecken können, Tagpfauenaugen haben sich rar gemacht, von Distelfaltern ganz zu schweigen. Ein einziger Admiral landete im Staudenbeet, aber was ist ein Admiral ohne die seinen? Einsam vor allem.
Wo Schmetterlinge fehlen, fehlt es an allem. Schmetterlinge sind ein Anzeiger für den Zustand unserer Umwelt. Ich sehe Gärten, die sich nie verändern. Schlimme Langeweilewüsten voller Buchsbaum, Rosen, Schüttungen aus Kies und Findlingen inklusive Rindenmulch. Gärten des Grauens, in denen nicht ein Gehölz und nicht eine Staude steht, die verlockend für Bestäuberinsekten wäre. Dafür die manische Angewohnheit, jede Brennnessel, jedes Wiesenschaumkraut radikal auszumerzen, damit die Form der Langeweile nicht durchbrochen wird. Brennnessel und Wiesenschaumkraut, um nur zwei Wildpflanzen zu nennen, die für Raupen vieler heimischer Falterarten unentbehrlich sind.
Aber es geht nicht um Gärten allein, es geht um das Gesamtpaket unserer aller Verhaltensweisen. Und ja, auch intensive Landwirtschaft hat mit dem allgemeinen Artensterben zu tun, diesem Vorwurf müssen sich die Bauern stellen und tun das bekanntlich ungerne. Ihnen die Gesamtverantwortung für das riesige Dilemma zuzuschieben, ist aber falsch. Es sind alle daran beteiligt, selbst ich, es lässt sich nicht vollständig vermeiden. Aber es ist ein Unterschied, ob man willens ist, in jeder Hinsicht etwas gegen den Klimawandel und das Artensterben zu tun, oder nur spöttisch die Schultern hebt, weil‘s einen angeblich nichts angeht oder man schon kapituliert hat.
Ob man also seine umwelt-soziale Kompetenz wahrnimmt oder asozial handelt. Asoziales Verhalten zeigt sich darin, dass es die Gesellschaft vermeintlich oder tatsächlich schädigt. Jeder Raucher, der seine Kippe in die Gegend wirft, handelt asozial. Denn die Gifte, die in den Filtern der Glimmstängel stecken, sind vielzählig, landen über den natürlichen Kreislauf im Grundwasser und kommen zu allen zurück. Auch zu den Nichtrauchern.
Dummheit und asoziales Verhalten
Es kotzt mich an, dass so wenig Verbesserung in Sicht ist, weil die Dummheit voranschreitet. Altglascontainerplätze werden vollkommen zugemüllt und keiner will‘s gewesen sein. Gelbe Säcke werden mehrere Tage vor der Abfuhr einfach nach draußen gestellt, wo sie von Krähen und Waschbären leicht geöffnet werden – der Wind trägt den Plastikabfall weit in die Landschaft hinaus. Dass er wieder eingesammelt wird von denen, die das zu verantworten haben? Natürlich nicht. So kommt eines zum anderen – und ich vermute, dass ein Großteil an E-Autos nicht gekauft worden ist, weil man damit die Umwelt retten will, sondern weil’s einfach gerade angesagt ist. In einer einzigen E-Auto-Batterie stecken 12 Kilogramm Lithium, 30 Kilogramm Nickel, 22 Kilogramm Mangan 15 Kilogramm Kobalt, 100 Kilogramm Kupfer und rund 200 Kilogramm Aluminiumstahl und Kunststoff, die zu einem Großteil in China aus der Erde geholt werden, und es ist vorstellbar, dass die Standards für den Umweltschutz dort womöglich andere sind als hier.
Klimakleber sind die neuen Klimakiller?
Klimakleber gehen mir auf den Geist; streng genommen ist schon der Kleber eine Belastung für die Natur. Die, die sich damit auf Fahrbahnen fixieren, sind eine für die Gesellschaft. Weil sie das Gegenteil von dem erreicht haben, was sie wollten: den Menschen mehr Umweltkompetenz vermitteln. Die Kleber sind abgeschmettert worden und auf diese Weise gewissermaßen sogar nah dran, Klimakiller geworden zu sein. Jetzt stehen wir vor noch mehr Scherben unseres Verhaltens als jemals zuvor. Die Menschen sind müde(r), Umweltschutzthemen zu lesen, zu hören, sie ernstzunehmen und dann selbst ihren Teil an Verantwortung zu übernehmen.
Laut einer Umfrage wollen sich immer weniger Menschen mit dem Klimawandel befassen. Weil er sie belastet. Dann hat der Klimawandel als Thema dasselbe Schicksal erreicht wie die Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine. Ich habe diesen Themenbereich dennoch auf die Seite 1 gehoben. Und alles fing mit einem Schmetterling an.