Mit dem Format „Orts-Check“ rücken wir die Ortsteile im Landkreis Hameln-Pyrmont in den Mittelpunkt, die den Alltag vieler Menschen prägen. Wir fragen persönlich nach: Was macht diese Ortsteile eigentlich aus? Der Ortscheck will nicht bewerten, sondern entdecken, manchmal auch mit einem Augenzwinkern und immer ehrlich. Bekanntes wird neu betrachtet, Selbstverständliches bekommt Aufmerksamkeit.
Inga Symann und Leyla, die Laika-Hündin mit der roten Leine, machen sich wieder auf den Weg. Heute führt sie die rote Leine durch vier Ortsteile rund um Aerzen: Groß Berkel, Laatzen, Waalsen und Selxen. Vier Orte, die dicht beieinanderliegen – und doch ganz unterschiedliche Geschichten erzählen.
Groß Berkel: ein kinderfreundliches Dorf

Groß Berkel gehört zu den größten Ortsteilen des Flecken Aerzen. Wer nur auf der Bundesstraße 1 aus Richtung Hameln kommt, sieht Lenze, Tankstelle, Autohaus und viel Verkehr. Doch hinter dieser Durchgangsstraße verbirgt sich deutlich mehr: Schule, Kindergarten, Einkaufsmöglichkeiten, Vereine, Veranstaltungen und viel Platz für Freizeit.
Ines Brandt ist gebürtige Groß Berkelerin und lebt mit ihrer Familie hier. Ihr siebenjähriger Sohn Luke nennt spontan einen der großen Pluspunkte des Ortes: „Groß Berkel hat richtig viele Spielplätze – ich glaube sechs Stück. Und einer wurde gerade erst neu gemacht, mit Trampolin und Seilbahn.“
Auch bei Bildung und Betreuung hat sich im Ort einiges getan. Es wurde investiert: in Schule, Kindertagesstätte und Infrastruktur. Gleichzeitig zeigt sich hier ein Problem, das viele Familien kennen. Manuela Bierstedt, die mit ihrem Mann Christian und Sohn Mads hier lebt, erzählt aus eigener Erfahrung: „Zwischendurch gab es kaum Kita-Plätze.“ Mittlerweile unterstützen Kinder-Tages- und Großtagespflege mit Plätzen.

Trotzdem fühlen sich viele Familien hier wohl. Das liegt auch an der Gemeinschaft. Sportangebote von Fußball über Tischtennis bis zu Fitnesskursen sorgen dafür, dass für jedes Alter etwas dabei ist. „Das Dorf war schon immer vom Vereinsleben und ehrenamtlichem Engagement geprägt. Dorffeste, Kinderangebote, Sport – da ist immer etwas los“, erzählt Ines Brandt. Und wie es sich für ein gewachsenes Dorf gehört, liegt mitten im Dorfkern die St. Johannis-Kirche mit einem regen Gemeindeleben.
Zwischen Dorfidylle und Durchgangsverkehr
So idyllisch Groß Berkel wirkt, ein Thema kommt im Gespräch immer wieder auf: der Verkehr. „Auch auf der Ohrschen Straße, wo Schule und Kita sind, fahren viele Lkw durch. Es ist oft richtig eng und die Kinder müssen wirklich aufpassen“, so Manuela Bierstedt. Gerade deshalb freuen sich viele darüber, dass rund um Schule und Kindergarten inzwischen Tempo-30-Zonen eingerichtet wurden.
Wettkampf auf dem Wasser
Ein besonders Kapitel schreibt das kleine Flüsschen in Groß Berkel, die Humme. Einmal im Jahr verwandelt sie sich eine Wettkampfbahn. Dann nämlich, wenn beim Brenntrogrennen Teams versuchen, in alten Holztrögen über das Wasser zu paddeln – möglichst ohne zu kentern. Das Spektakel hat längst Kultstatur und zieht jedes Jahr viele Zuschauer an. Leyla findet das Wasser nicht so anziehend. Aber ein Spaziergang am Ufer ist selbst für einen skeptischen Hund nicht zu verachten – schon allein, weil sicher ein paar Enten gesichtet werden könnten.

Laatzen: Der kleine Nachbar
Nur zwei Kilometer und einen Bach weiter – oder einige Schritte an der roten Leine bergauf – liegt Laatzen. Der Ort ist heute kein eigenständiges Dorf mehr, sondern gehört bereits seit 1929 zu Groß Berkel. Wer hier ankommt, merkt schnell: Laatzen nimmt sich eher zurück. Häuser, Höfe, Pferde … vielleicht ist genau das der Pluspunkt: kein großes Zentrum, dafür Ruhe. Doch wenn das ehemalige Militärgelände mit dem roten-weißen Funkmast oberhalb von Laatzen von der Heeresfliegerwaffenschule Bückeburg für Hubschrauber-Übungsflüge genutzt wird, ist es kurzfristig nicht mehr ganz so ruhig.

Waalsen: Der Ort, den man fast übersieht
Die rote Leine führt in die andere Richtung weiter – und irgendwann ist man plötzlich in Waalsen. Oder man ist vielleicht schon wieder durch, ohne es zu merken. Waalsen ist einer dieser Orte, die man nicht unbedingt auf der großen Landkarte sucht. Fehlende Ortsschilder, ein paar Höfe, viel Landschaft, viel Himmel. Aber mehr braucht es manchmal auch nicht. Hier geht es leiser zu. Der Alltag spielt sich nah an den Höfen und Feldern ab. Und wer hier lebt, kennt die Umgebung vermutlich besser als jedes Navigationsgerät. Leyla zumindest scheint zufrieden: viel Wiese, wenig Verkehr und viel Platz zum Laufen.

Selxen: Zwei Bäche und viel Ruhe
Zum Schluss führt die rote Leine nach Selxen. Das Dorf, das viele vom Durchfahren kennen, liegt nur wenige Steinwürfe von Groß Berkel entfernt und gehört ebenfalls zum Flecken Aerzen. Rund hundert Menschen leben hier. Die Bezeichnungen der Bushaltestellen klingen dabei fast größer, als der Ort selbst ist: „Selxen Mitte“ und „Selxen Nord“. Hier fließt ebenfalls die Humme – und gleich daneben mündet der Beberbach. Damit hat Selxen, was viele Orte nicht haben: zwei Gewässer gleich vor der Haustür. In der Niederung zwischen den Bächen liegt sogar ein kleines Naturschutzgebiet mit Feuchtwiesen, Erlen und Weiden. Wirklich idyllisch. Der Ort selbst wirkt ruhig und ländlich. Wer hier spazieren geht, merkt schnell: Die Wege führen direkt hinaus in die Landschaft. Für Leyla ist das der perfekte Abschluss der Runde.
Orts-Check: kurz zusammengefasst
Groß Berkel zeigt, wie lebendig ein Dorf sein kann – mit Kirche im Zentrum, Schule im Ort und sogar einem spektakeligen Brenntrogrennen auf der Humme. Laatzen dagegen ist klein, ruhig und etwas versteckt. Und was viele noch nicht wussten: Es gibt es hier keine Straßenlaternen. Waalsen ist fast schon ein Geheimtipp – ein Ort, den man aufgrund der fehlenden Ortsschilder leicht übersieht, der aber mit drei Höfen genau darin seinen Reiz hat. Und Selxen zeigt sich natürlich mit zwei Bächen, weiten Wiesen und viel Landschaft. Vier Orte, dicht beieinander – und doch jeder mit seinem eigenen Charakter. Der Spaziergang mit der roten Leine hat sich für uns auf jeden Fall wieder gelohnt.