Essenz. Heißes Gold, das wie Flocken in unser aller Herzen tröpfelt. Aus einem melancholischen Himmel zur Erde reisend, geflochten aus Abermillionen Tränen, die flüchtig schon hinaufgestiegen waren und aus dräuendem Gewölk nun zurückkehren, um wieder Sehnsucht zu werden, Sehnsucht und Melodie. Dürstend nach Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit filtert der Blues das Wesentliche des menschlichen Daseins aus all den Untiefen, die uns das Leben bereitet, und kocht als blaue Stunde hoch, karg instrumentiert, aber nicht kläglich – und mit einer Tiefe gesegnet, dem kein noch so weites Meer ein Gegner sein könnte.

Nicht die Stimme ist es, die ich höre. Es ist das Wehklagen ihrer Seelen, die Muddy Waters, Bo Diddley, Howlin’ Wolf und weitere Wegbereiter von den Dreißiger- bis Fünfzigerjahren in Songs strömen ließen, um der Welten Klänge eine neue Richtung hinzuzufügen: den reinen, puckernden Blues, dunkel umschattet, doch mit einem hellen, nie erlöschenden Licht der Zuversicht versehen.

Nun sitze ich staunend lauschend in meinem Sessel, der besser ein Holzhocker sein müsste, um die Kargheit der Umstände zu erfahren, in denen diese Musik entstanden ist. Blauer Qualm waberte durch düstere Zimmer; diese famosen Künstler ließen die Öde des Augenblicks und die Leere ihres Gemüts gemeinsam zur Beichte schreiten, um daraus den tonalen Wundertrunk zu kreieren, der ins Innerste fließt. Vielleicht wirken ihre Zeilen und Akkorde trister als es die Umstände manchmal waren, vielleicht vermag die künstlerische Freiheit und Gabe derer, die sich als Pioniere einer vollkommen neuen musikalischen Zeit auf den Weg machten, größer als all das zu sein. Und doch schafften sie es, ihrer Musik eine Intensität einzuverleiben, die so glühend ist wie das Herz, das ich täglich meiner Liebsten widme.

Wie Big Maceo Merriweather in seinem „Worried Life Blues“ habe ich selten jemanden so schmerzhaft schmachten hören. 1905 war er geboren worden, Mensch, das ist lange her, selbst meine liebe Oma kam später zur Welt. 1905, Wahnsinn! Den Ersten Weltkrieg hatte der junge Merriweather also schon flüchtig mitgekriegt, die Spanische Grippe gefürchtet, den Zweiten Weltkrieg verflucht. Dass dieser US-amerikanische Pianist in seinem „Worried Life Blues“ so unendlich traurig klingt, ist ja kein Wunder. Um Krieg geht‘s aber gar nicht, nicht um Tod und Teufel, sondern um eine zerbrochene Liebe. Wer so fantastisch Trübsal blasen kann, muss dieses Desaster echt erlebt haben, dieses Gefühl der Ohnmacht.

So many nights
since you’ve been gone
I’ve had to worry my life along
But someday, baby, I ain’t
gonna worry my life anymore.

Merriweathers Version ist geprägt von gewitterschwerem Pianospiel mit Boogie-Woogie-Aura, in deren Umfeld die Gitarrenparts wie Lichtblitze wirken. Sein rauchiger Gesang: voller Gefühl, aber nie zum Absprung bereit, sondern immer bebend auf dem Boden bleibend. Ein Blues, wie er stürmischer die Gefühlswelt nicht erobern könnte. Die Nummer, 1941 eingespielt, blieb auf Rotationskurs auch in den Folgejahren, weil Little Walter, Muddy Waters, Eric Clapton und viele andere Größen sie coverten, ihr immerzu neues Leben schenkten.
Der Blues, unverrückbares Genom des Rock ’n’ Roll, ist die wunderbarste Substanz, die wir uns für die populäre Musik hätten vorstellen können. Und der „Worried Life Blues“ steigt aus der Mitte des Geysirs dieser Stilrichtung revolutionär hervor.