Professor Kordt Rehn, erfahrener Vogelkundler und Mitglied im Vorstand des Naturschutzbundes Bad Pyrmont, ist keiner, der drastische Worte wählt, um einen Zustand zu erklären.

Es geht ihm weniger um subjektive Wahrnehmung als vielmehr um eine objektive Einschätzung. So lässt er auch im Falle der Amseln, deren Population anscheinend deutlich kleiner geworden ist, eine einzige Erklärung nicht zu: „Allein am Usutu-Virus wird es nicht liegen. Es gibt immer mehrere Gründe, nie einen allein.“ Und plötzlich äußert er doch eine deutliche Kritik und spricht von „einer völlig entgleisten Siedlungs- und Landwirtschaftspolitik“.

Das seit einiger Zeit um sich greifende Usutu-Virus sei nur ein Baustein im Schicksal der Singdrosseln, „aber insgesamt, so scheint es mir, trägt das Zusammenspiel vieler Faktoren dazu bei, dass die Population heimischer Singvögel grundsätzlich gesunken ist; daran besteht wohl kein Zweifel“, sagt Kordt Rehn. Der zur Bekämpfung von Unkraut verwendete Pflanzenschutzmittelwirkstoff Glyphosat sei schlicht schrecklich. Dazu komme die fortschreitende Versiegelung von Flächen, das bisweilen beklagenswert lächerliche öffentliche Grün in Stadtkernen, wo es an Bäumen und Hecken mangele, und nicht zuletzt die deutliche Zunahme herrenlos streunender Katzen plus Waschbäreninvasion. „Alles zusammen ist ein Cocktail, der nicht zur Artenvielfalt beiträgt“, sagt der Fachmann. Im Frühjahr habe er eine Exkursion angeboten, um Teilnehmern den Gesang der Feldlerche näherzubringen, „aber ich konnte ihnen zunächst keine präsentieren, es war seltsam still“. Der Gesang der Feldlerche sei ein Stück der Musik unserer Natur. Das Lied verklingt.

Das Amselschwinden, im Übrigen auch Thema im Fachgeschäft Stieler in Hameln, wo Mitarbeiter Dirk Heimsoth und seine Kollegen sich den Fragen der Kunden zur Fütterung der Vögel stellen, nur als momentaner Anzeiger für ein größeres Problem? Es ist wohl so. „Vor einigen Jahren beklagten Kunden, dass es keine Grün- und Buchfinken mehr gibt. Bei anderen fehlen die Spatzen, die sonst immer da waren“, sagt Dirk Heimsoth. Natürlich seien dies auch subjektive Wahrnehmungen; Populationen würden natürlichen Schwankungen unterliegen, „aber was wir momentan erleben, ist gravierend“. Was vielen Gartenbesitzern schon im Sommer aufgefallen sei, komme jetzt erst richtig zum Ausdruck, da weniger Vögel zu den Futterhäuschen, Meisenringen und Knabberstangen kämen. „Klar ist auch, dass es den Insektenfressern unter den Vögeln, also zum Beispiel Ammern und Piepern, am allerschlechtesten geht“, sagt Kordt Rehn. Grund: das Verschwinden von Bienen, Hummeln, Fliegen, Mücken … Nach Untersuchungen in Nordrhein-Westfalen ist die Biomasse der Fluginsekten seit 1989 mancherorts um bis zu 80 Prozent zurückgegangen! Nicht nur die Zahl der Arten, sondern auch die der Individuen befindet sich in einem dramatischen Sinkflug, heißt es dazu vom Nabu Deutschland. Eine schlechte Nachricht für die biologische Vielfalt.

Laut Veterinärbehörde des Landkreises Hameln-Pyrmont sind hier übrigens keine Fälle eines Usutu-Virus bekannt – was nicht gerade beruhigend klingt, weil der von vielen Menschen wahrgenommene deutliche Rückgang unserer gefiederten Freunde dann in der Tat andere Gründe haben muss. Prof. Rehn spricht von einer „dezimierenden Kraft“ vieler verschiedener Umwelteinflüsse, die menschgemacht sind.

Wer dennoch eine tote Amsel findet, die nicht zum Beispiel Opfer einer Katzenattacke wurde und die noch unversehrt und erst vor Kurzem verendet ist, „kann sie in umhüllter Form, also zum Beispiel in einem Zip-Beutel oder einer Dose, unter der Angabe des Fundortes zur Weiterleitung an das Institut beim Veterinäramt des Landkreises Hameln-Pyrmont abgeben“, rät Landkreissprecherin Nikola Stasko.