Bad Pyrmont. Wunderschöne, nostalgische, außergewöhnliche Geschichten hat die HALLO-Aktion „Radio-Schätze – Ein Sommer voll Musik“ zutage befördert. Manchmal gehen sie zu Herzen, bisweilen sind sie ein fast poetischer Blick auf die Vergangenheit. 100 Zuschriften hat die HALLO-Redaktion erhalten! Eine davon – die des Bad Pyrmonters Jürgen R. Gabriel – ist eine sehr besondere, ja, sie ist fast schon ein Stück Pyrmonter Radio-Geschichte im Kleinen, die er selbst zu Papier gebracht hat. Unseren Lesern wollen wir sie nicht vorenthalten:
Von Jürgen R. Gabriel
„Bereits als Zehnjähriger hatte ich mir Mitte der Fünfzigerjahre einen Detektorempfänger in eine Seifendose eingebaut. Eine Anleitung dafür fand ich in einem Readers-Digest-Heft meiner Eltern. Die Bauteile und einen Kopfhörer erstand ich in Hameln von meinem raren Taschengeld im Elektrogeschäft Meißner.
Zwischen zwei Bäumen hinter dem Haus konnte ich einen langen Draht als Antenne spannen, den ich durch den Fensterrahmen unserer Küche nach innen verlegte. Technische Beratung bekam ich durch Herrn Pietsch, der ein Elektrogeschäft in der Lortzingstraße besaß, und an dessen Schaufenster ich mir auf dem Rückweg von der Schule wegen mancher Radiobauteile in der Auslage häufig die Nase platt drückte.
Der Empfang war leider nur sehr spärlich
Eines Tages hatte der freundliche Herr ein Einsehen mit mir und bat mich hinein. So kam ich also an Expertise und an den Draht mit Porzellan-Isolatoren für die Hochantenne. Wegen fehlender Ortssender in Bad Pyrmont war der Empfang mit dem Detektor allerdings nur sehr spärlich. Mutter musste manchmal sogar den Abwasch unterbrechen, wenn ich meinte, ganz leise Signale im Kopfhörer zu vernehmen.
Just in dieser Zeit wurde eine freie Wohnung hier im Rosenhof neu bezogen: Wie sich herausstellte, war der Herr von Beruf Elektro-Ingenieur. Bald hatte er mein großes Interesse für den Radioempfang wahrgenommen und eines schönen Tages schenkte er mir ein richtiges Radio! Das war wohl ein DKE (Deutscher Kleinempfänger) aus den 1940er-Jahren. Von der elektrischen Konstruktion her also ein Rückkopplungs-Audion in einem kleinen schwarzen Bakelitgehäuse.
Zwar wies das Gerät äußerlich starke Gebrauchsspuren auf, bei richtiger Bedienung war der Empfang jedoch immer noch exellent: Ich konnte mit dem Abstimmknopf und gleichzeitiger Justierung der auf der Geräterückseite befindlichen Rückkopplungseinstellung in den Abend- und Nachtstunden Radiosender aus der ganzen Welt empfangen, was ich wirklich so ausgiebig betrieben habe, dass ich schnell die meisten Radiostationen an der Aussendung des zugehörigen Zeitzeichens erkannte.
Meine Eltern machten sich bald Sorgen um meinen regelmäßigen Schlaf, denn mittlerweile hatte ich den Antennenanschluss in das Schlafzimmer unter dem Dach verlegt, welches ich aber mit meinen zwei Brüdern teilte. Das Radio stand nah am Bett auf meinem Nachtschrank, sodass ich es gerade noch im Liegen bedienen konnte. Gehört habe ich mit dem Kopfhörer, wobei ich mir die Bettdecke über den Kopf ziehen musste, um meine Brüder nicht im Schlaf stören zu müssen.
Eines Nachts – ich muss wohl beim Radiohören eingeschlafen sein – erschraken wir drei durch ein fürchterliches Poltern und Krachen: Ich hatte mein schönes Radio mit dem Kopfhörerkabel vom Nachtschrank gerissen! Nun lag es da auf dem Boden, das Bakelitgehäuse zerborsten, die Skala zerbrochen und zwei Röhren zerplatzt: aus der Traum vom nächtlichen Hobby, jedenfalls erst einmal! Wegen dieses Endes gibt es leider kein Original-Foto von meinem DKE. Anbei deshalb das Foto eines DKE aus dem Archiv.
Aus meiner kleinen Radiosammlung habe ich aber das Bild eines ganz besonderen Radios beigefügt, das gerade im Jahr 1956 auf den Markt gekommen war, also im Jahr meiner ganz besonderen Radio-Geschichte. Hersteller war die Firma Akkord-Radio, die Typen-Bezeichnung ist „Pinguin U56“. In der Form eines Kofferradios ist dieses Gerät mit Kunstleder bezogen, und zwar im außergewöhnlichen Schlangenleder-Design. Noch ausschließlich mit Verstärkerröhren bestückt kann es sowohl mit Batterien, aber auch am Wechselstromnetz betrieben werden.