Hameln-Pyrmont (ey). Donnerwetter, jetzt wird‘s verrückt: Erste Versicherte haben Post von ihrer Krankenkasse bekommen. Darin enthalten: Behandlungsscheine in Papierform und die Mitteilung, dass es zurzeit nicht möglich ist, ihnen die neue elektronische Gesundheitskarte (eGK) zukommen zu lassen. Grund: Versorgungsengpässe auf dem Halbleitermarkt. Will heißen: Chipmangel! Wenn man bedenkt, dass auch EC- und Kreditkarten davon betroffen sein könnten, stellt sich die Situation als bedrohlich dar.
Das Problem: Der Weltmarktführer produziert die Chipkarten in Taiwan. Das ist erstens weit weg und zweitens gerade im Krisenmodus. Der Hamelner Richard Peter, versichert bei der pronova BKK, hat jedenfalls jetzt Papier anstatt elektronischer Gesundheitskarte in der Arztpraxis vorzulegen – wie viele andere Versicherte auch. Nina Remor, Pressereferentin der pronova BKK: „In der Tat mussten wir uns zu diesem Schritt entschließen. Der Chipmangel ist immens. Allein für rund 24.000 der 280.000 Versicherten in NRW können wir die in regelmäßigen Abständen zu wechselnden eGKs nicht liefern. In Niedersachsen sind rund 8000 der 100.000 Versicherten betroffen. Und eine Aktualisierung der alten Karte ist technisch leider nicht möglich.“
Den betroffenen Versicherten werden nun Behandlungsscheine zugestellt, „die man sich aber auch über die App ausdrucken lassen kann“. Richard Peter spricht von einem „Rückfall in die Steinzeit“, sieht das Problem aber gar nicht so sehr bei sich und den anderen Betroffenen, sondern vor allem bei den Arztpraxen: „Statt einmal die Karte durch den Schlitz zu ziehen, müssen die jetzt wahrscheinlich wieder alles händisch eintippen. Ist ja ein Mordsaufwand.“ Und er sorgt sich nicht allein um die sogenannten eGKs, sondern vor allem, was da sonst noch kommen mag: „Können wir vielleicht bald kein Geld mehr mit der EC-Karte am Automaten abheben?“
Das droht Bankkunden offenbar zurzeit nicht. „Zum aktuellen Zeitpunkt werden die eingehenden Kartenbestellungen unverzüglich bedient. Unser Dienstleister hatte bereits im vergangenen Jahr Maßnahmen zur Vermeidung von Lieferengpässen eingeleitet“, teilt Christian Mrosek mit, bei der Sparkasse Hameln-Weserbergland verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit. Und laut Patrick Eschert, zuständig für Vertriebsmanagement und Marketing bei der Volksbank Hameln-Stadthagen, seien die EC-Karten auch hier nicht vom Chipmangel betroffen. Allerdings: „Wir sind eine Bank vor Ort. Sollte es einen Mangel geben, könnten sich die Kunden ihr Geld ohne Weiteres am Schalter auszahlen lassen“, so Eschert. Sicher kein Idealzustand, „aber im Worst-Case-Szenario völlig okay“.
Es ist zu befürchten, dass die nächsten nachziehen
Hier zeige sich, wie gut es sei, Kunde eines regionalen Kreditinstituts zu sein. Mehr noch als Chipmangel sei vielmehr aber das Papier ein großes Problem; aktualisierte AGBs müssten Zehntausenden Volksbankkunden in ganz Niedersachsen klassisch per Post zugestellt werden. Das Papier konnte nur in Tranchen bestellt und geliefert werden, die Post ergo wurde auch „etappenweise“ geschickt.
Zurück zu den Kranken- beziehungsweise Gesundheitskassen: Es ist zu befürchten, dass die nächsten nachziehen (müssen), die pronova BKK kein Einzelfall bleibt. Bei der BKK24 mit Sitz in Obernkirchen scheint dies momentan kein Thema zu sein. Laut Jörg Nielaczny, Vorsitzender des Vorstandes, ist die Versorgung mit elektronischen Gesundheitskarten sichergestellt. Dies gelte beispielsweise für Neukunden oder für notwendige Kartenaustausche aufgrund des Ablaufes der Gültigkeit. „Aufgrund der nur schwer vorhersehbaren Entwicklungen auf dem weltweiten Chipmarkt beschäftigen wir uns bereits seit einiger Zeit, gemeinsam mit unserem Dienstleister, präventiv mit den notwendigen eGK-Kapazitäten für das kommende Jahr“, so Jörg Nielaczny. Eine Kartenausstattung beziehungsweise ein Austausch finde in notwendigen Fällen statt; Behandlungsscheine in Papierform seien zum aktuellen Zeitpunkt für BKK24-Versicherte nicht notwendig. „Gleichwohl gilt grundsätzlich: Im sogenannten Ersatzverfahren sind Ersatzbescheinigungen vorgesehen, die dann beim Arzt vorgelegt werden können.“
Chipkarten sind überall. Bank- und Kreditkarten stecken in fast jedem Portemonnaie, Mobiltelefone funktionieren nur mit SIM-Karten, Chipkarten öffnen Türen, registrieren Arbeitszeiten, rechnen Gebühren ab. Was kommt da auf uns alle zu?