Bad Pyrmont / Weserbergland (ey). Es gibt ein Buch mit dem verheißungsvollen Titel „Gärten des Grauens“. So weit möchte Michael Mäkler, seines Zeichens nicht nur aktives Mitglied im Naturschutzbund (Nabu) Bad Pyrmont, sondern auch Leiter des Kurparks, in seiner Kritik nicht gehen; der Naturschutzbund wolle „nicht mit erhobenem Zeigefinger kritisieren“, sondern Lösungsansätze bieten. Jedoch: Immer mehr Gärten in der Stadt seien geprägt von Versieglung und Schotterwüsten, täten nichts für die Natur „und damit nichts für Wohn- und Lebensräume der Menschen“. Eine Tatsache, die nicht auf die Kurstadt begrenzt ist.
Das Problem wird größer und größer: Immer mehr Vorgärten werden Parkplätze oder mit Schotter, Steinen und Findlingen versehen. Vielleicht stehen dann zwei, drei Gräser dort oder Buchs, aber das war‘s dann auch. Naturwert gleich null. Zierwert genau genommen auch. Dabei gibt es eine gesetzliche Grundlage, die das verhindern soll, wenn sie denn ernst-, geschweige denn wahrgenommen würde. Paragraf 9, Absatz 2 der Niedersächsischen Bauordnung besagt: „Die nicht überbauten Flächen der Baugrundstücke müssen Grünflächen sein, soweit sie nicht für eine andere zulässige Nutzung erforderlich sind.“ In welcher Konsequenz Behörden dies verfolgten, vermag Michael Mäkler nicht bewerten zu wollen. Wohl aber würde sich der Naturschutzbund wünschen, „dass ausführende Bauunternehmen, Architekten, Bauträger und weitere schon früh auf diese Pflicht der Grundeigentümer hinweisen“.
Noch dazu: Schotterflächen sind nur kurzzeitig, aber nicht auf Dauer pflegeleicht. Sie bleiben nicht lange frei von unerwünschtem Bewuchs: Genügsame Gräser, Ackerschachtelhalme und Baumkeimlinge finden bald genügend Feinmaterial zwischen den Steinen, um wachsen zu können. Wer stattdessen immergrüne Bodendecker pflanzt – zum Beispiel Elfenblume, Storchschnabel oder Purpurglöckchen –, biete Insekten und Vögeln Lebensraum und habe mit der Fläche weitaus weniger Arbeit. Glauben viele unerfahrene Grundstücksbesitzer nicht, ist aber so.
Nächstes großes Problem: Die Bäume werden weniger. Wo alte Gehölze aus unterschiedlichsten Gründen auf privaten Grundstücken der Säge zum Opfer fallen, werden sie oft nicht durch neue ersetzt. Fatal für das Mikroklima in städtischen Bereichen, gerade in solchen Hitze-, ja Dürresommern, wie sie hinter uns liegen. „Bäume kühlen die Stadt. Sie beeinflussen das Klima sehr, sehr positiv. Der größte Kühlungseffekt entsteht durch Verdunstung“, sagt Michal Mäkler. Laut Forschern der niederländischen Universität Wageningen kann die Kühlleistung eines einzelnen Baumes 20 bis 30 Kilowatt betragen. Eine beachtliche Leistung! Im Vergleich dazu hat eine Klimaanlage, die einen Raum kühlt, um die zwei Kilowatt. „Und Klimaanlagen sind ja eben n i c h t die Lösung! Sie verbrauchen Energie und tragen infolgedessen noch zur Klimakrise bei“, mahnt Garten- und Pflanzenexperte Michael Mäkler.
Er ist beileibe nicht der einzige Mahner. Auch Matthias Großmann, Inhaber der Stauden-Gärtnerei Junge in Wehrbergen, macht darauf aufmerksam, „dass jeder kleine Schritt, den wir in Richtung zu mehr Grün gehen, einen positiven Effekt hat“. Wer Flächen clever mit insektenfreundlichen Stauden und solchen sommergrünen Bäumen und Gehölzen bepflanze, die noch dazu Schatten spendeten, der an irre heißen Tagen ein Ort der Erholung sei, weil die Temperatur dort durch die Verdunstung um einige Grad Celsius kühler sei, trage zur Artenvielfalt bei. „Vor allem aber gestaltet er seinen Naturraum zu einem wertvollen Lebensraum.“
Ein Lebensraum, dessen Gestaltung gerade in Oktober- und Novembertagen ein Thema ist, dann nämlich, wenn – solange kein Frost vorherrscht – die beste Pflanzzeit ist. Hier geht das Bündnis für Artenvielfalt in Bad Pyrmont und der dortige Naturschutzbund mit einem sehr informativen Flyer im Übrigen einen guten Weg. „Gärten in Bad Pyrmont-Lügde“ heißt der Titel, „und es geht darum, wie lebendig, bunt und pflegeleicht Gärten gestaltet werden können“, sagt Michael Mäkler. Blaukissen, Glockenblumen, Johanniskraut, Margeriten, Gemswurz, Akelei, Goldfelberich … Unzählig sind die Möglichkeiten. Und alle, die daran zweifeln, dass die privaten Gärten eine Wirkung auf das Gesamtklima hätten, sei mitgeteilt, dass es in Deutschland schätzungsweise rund 17 Millionen Hausgärten gibt. Rechnet man zurückhaltend mit einer durchschnittlichen Fläche von 200 Quadratmetern, so ergibt sich eine Gesamtfläche von 340.000 Hektar – das ist deutlich mehr als die Landfläche aller deutschen Nationalparks!