Hameln-Pyrmont (hek). Das traurige Ende vom Lied: Der Männergesangsverein MGV Kirchohsen schlägt für immer seine Notenhefte zu. Die 145-jährige Geschichte des Chores endete jetzt mit einem Kommers im Grohnder Fährhaus.

„Wir sind natürlich alle traurig“, macht Erhard Kiehne deutlich. Seit 1995 stand er an der Spitze des MGV, und in den vergangenen Jahren wuchs ihn ihm ständig die Befürchtung, einmal das Ende seines Chores verkünden zu müssen. „Jetzt musste es sein. Es gab einfach keine Basis mehr, unseren Chor am Leben zu erhalten!“

Die einzig rettende Medizin wäre ein Zustrom neuer junger Mitglieder und Sänger gewesen. Denn wie so vielen anderen Chören und Gesangsvereinen nicht nur im Weserbergland sind dem MGV Kirchohsen die aktiven Sänger ausgegangen. Den traurigen Trend belegt auch eine Studie der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sie zeigt, dass zwei Drittel von mehr als 4000 Chören in Deutschland, der Schweiz und in Österreich viele Mitglieder während der Corona-Pandemie verloren haben. Zudem seien gerade bei den jungen Sängerinnen und Sängern, genau also bei denen, die so wichtig für den Fortbestand sind, die meisten Austritte erfolgt.

Seit Jahren endeten alle Versuche, „frisches Blut“ in den Kirchohsener Traditionsverein zu bringen ohne Erfolg, und so reduzierte sich die Zahl der aktiven Sänger immer mehr auf zuletzt 23. Für Georg Brandt, der seit fast 20 Jahren den Chor leitet, wurde es folglich immer schwieriger, ein Liedprogramm zusammenzustellen und seinen MGV fit für Auftritte zu machen.
Warum so viele Chöre daran scheitern, junge Menschen für sich zu gewinnen, dafür gibt es gewiss viele Gründe. Wie das Liedgut und wie der Altersunterschied zwischen etwaigen Neulingen und den gestandenen Mitgliedern. Der Altersdurchschnitt im MGV Kirchohsen liegt wie in vielen anderen Traditions-Singgemeinschaften zwischen 70 und 80 Jahren, und da scheint es überaus schwierig, 40-, 50-jährige oder noch Jüngere zum Mitmachen zu gewinnen. Für viele gefährdete Chöre ist die Umstellung oder Modernisierung des Repertoires zum Rettungsanker geworden: Schlager, Pop und Gospel als Alternative und Ergänzung zu klassischen Volksliedern.

Der MGV Kirchohsen ist das nächste Glied in der traurigen Kette von Vereinsauflösungen. Und es geht weiter: Der MGV Eintracht Grohnde konnte sich 2017 zwar neu aufstellen, als die aktiven Sänger von Fidelitas Afferde nach dem Aus ihres Chores ins Weserdorf wechselten, doch auch seine Tage dürften nun gezählt sein. Vorsitzender Jürgen Warnecke: „Anfang des nächsten Jahres muss die Mitgliederversammlung wohl die Auflösung beschließen“.

Überalterung und Mitgliederschwund

In den vergangenen Jahren gaben bereits grund Überalterung und Mitgliederschwund unter anderem 2016 der MGV Löwensen, 2017 der Werkschor der Aerzener Maschinenfabrik, der Liederkranz Aerzen und Fidelitas Afferde und 2020 der MGV Eintracht Elbrinxen auf.

So traurig das Ende des MGV Kirchohsen auch sei, die Freude am Feiern wollten sich die Sänger um Erhard Kiehne und Georg Brandt nicht nehmen lassen. So luden sie alle Vereinsmitglieder und befreundete Vereine noch einmal zu einer Festveranstaltung ein. Immerhin, so Kiehne, gehe es nicht nur um den Abschied, sondern auch um den 145. MGV-Geburtstag. Ob Vertreter des DRK, der Kirchengemeinde, ob vom Posaunenchor oder Emmerthaler Blasorchester sowie der Gemeinde, sie alle dankten dem Chor für sein 145 Jahre währendes Engagement. Er habe eine wichtige Rolle im Kultur- und Vereinsleben, so der stellvertretende Ortsbürgermeister und DRK-Chef Thomas Armbrust, gespielt und werde in Zukunft gewiss von vielen vermisst.

MGV-Vorsitzender Erhard Kiehne zauberte bei seinem Rückblick seinen Zuhörer ein Lächeln ins Gesicht, als er die Gründungssatzung vom 22. Februar 1877 zitierte: „Den vierstimmigen Männergesang zu erwecken und zu fördern und zwar durch religiöse und anständige, weltliche Lieder“, heißt da die Zielsetzung. Zudem solle der Verein zur Geselligkeit und zur „sittlichen Bildung“ beitragen. Kiehne: „Seit seiner Gründung ist unser MGV stets eine Gemeinschaft mit großem Zusammenhalt und Engagement weit über das Singen hinaus gewesen.“ Das hat sich auch weder durch die 1934 vom Naziregime angeordnete Zusammenführung mit dem 1905 gegründeten Gesangverein Liederkranz Kirchohsen, noch durch die Wirren der Weltkriege geändert. Schon 1947 trafen sich die Sänger wieder zu ihren Übungsabenden. Das Chorsingen schien beliebter denn je und der MGV einer rosigen Zukunft entgegen zu steuern. So zeichnete sich der Verein in den Folgejahren durch viele Konzerte und durch zahlreiche Aktivitäten wie beispielsweise den traditionellen Sängerball und das Kartoffelbraten am Weserufer aus. Und auch die Jubiläumsfeste hatten über die Gemeindegrenzen hinaus große Bedeutung. So wurden, wie Kiehne in seinem Rückblick aufzeigte, vor allem die Feiern zum 100. und 125. Geburtstag große Chorfeste. Als besondere Highlights hob er die Freundschaft mit dem Männerchor von Pritzerbe (Havelland) hervor, und er dankte seinen Vorstandskollegen Rolf Meyer (2. Vorsitzender), Werner Kohrs (Schriftführer) und Werner Feist (Kassenwart) sowie dem Festausschuss mit Heinz-Hermann Ebeling, Ernst Liebig und Dietmar Conrad für die gute Zusammenarbeit.

Neues Chorprojekt in Hameln

Aber: Wo Schatten ist, ist auch Lich: Die Wilhelm Homeyer Musikschule der Stadt Hameln bietet jetzt einen Konzertchor „60 Plus“ für Sängerinnen und Sänger im fortgeschrittenen Alter, die bereits über Chorerfahrung verfügen, an. „Es liegen bereits über 25 Voranmeldungen vor, auch von mehreren Tenören und Bässen, sodass wir garantieren können, dass der Chor auch tatsächlich zustande kommen und singfähig sein wird“, berichtet Gesa Rottler, stellvertretende Musikschulleiterin und Leiterin des neuen Chores. Alle interessierten Chorsängerinnen und -sänger sind eingeladen, Mittwoch, 26. Oktober, unverbindlich an einer Probe teilzunehmen. Offizieller Start des Chores ist dann im November, aber auch später ist ein Einstieg noch möglich.
Die regelmäßige Probenzeit wird mittwochs von 18.30 bis 20 Uhr im Saal des Paul-Gerhardt-Hauses auf dem Basberg (Paul-Gerhardt-Weg 21 in Hameln) sein. Das Programm ist gemischt, weltlich und geistlich. Es wird zwei bis drei größere und kleinere Konzertprojekte pro Jahr geben, mindestens eines davon mit Orchesterbegleitung. Gestartet wird mit dem berühmten „Gloria in D“.