Bad Pyrmont (mes). Was ist uns in diesem Leben wichtig? Woran hängen wir? Was hat so viel Wert, dass wir es mitnehmen wollen würden, wenn wir eines Tages sterben? Jeder von uns hat ganz eigene, individuelle Wünsche, Sehnsüchte und Vorstellungen – so vielfältig, wie wir Menschen sind, so gestalten sich auch die Inhalte der über 80 Koffer, die im Museum im Schloss Bad Pyrmont seit Donnerstag und noch bis 17. April zu sehen sind.

Mit der Ausstellung „Ein Koffer für die letzte Reise – Einmal Jenseits und zurück“, zu sehen in der Beletage, ist dem Hospizverein Bad Pyrmont in Zusammenarbeit mit dem Museum Bad Pyrmont ein wahrer Coup gelungen. 2006 wurde die Idee von Fritz Roth, Bestattungsunternehmer aus Bergisch Gladbach, geboren. Er setzte sich Zeit seines Lebens (gestorben ist er 2012) für einen Wandel in der Sterbekultur ein und ging dabei stets außergewöhnliche Wege. Dazu gehören beispielsweise die Gründung des ersten privaten Friedhofs Deutschlands, aber auch verschiedene Kunstprojekte wie eben jene Ausstellung. Damals ließ er insgesamt 103 Menschen aus allen Teilen des Landes und Bevölkerungsschichten – Frauen und Männer, Alte und Junge, Künstler und Handwerker, Prominente und Nicht-Prominente – jeweils einen Koffer packen, der sie auf der Reise aus diesem Leben begleiten könnte.

Offene Ohren und Arme

Nicole Lödige, 1. Vorsitzende des Hospizvereins Bad Pyrmont, stieß vor zwei Jahren in einem Fachmagazin auf einen Artikel über dieses ungewöhnliche Projekt und war sofort begeistert: „Ich wusste: Das möchte ich nach Bad Pyrmont holen!“ Sie besprach die Idee mit ihren Vorstandskollegen – und als diese sich ebenso angetan zeigten, suchte sie das Gespräch mit Museumsleiterin Melanie Mehring. Auch hier stieß sie auf offene Ohren und Arme. „Ich war überwältigt“, bringt Mehring es auf den Punkt. Schließlich sei es ihr Ziel, das Museum für alle zu öffnen, weg von seinem verstaubten, oft elitären Image. „Und ich wollte die Pyrmonter mit einbeziehen“, fügt sie hinzu. So wurde denn auch ein Aufruf an die Bürger gestartet, ebenfalls einen Koffer zu packen. Das Ergebnis ist in zahlreichen Schaufenstern in der Innenstadt zu sehen.

Auf was lassen sich die Besucher der Ausstellung im Museum nun ein? Auf sehr viel Emotion natürlich, aber auch auf persönliche Geschichten, die berühren, zum Schmunzeln anregen, hier und da auch mal ein Tränchen verdrücken lassen oder zum laut Loslachen animieren. Denn eins ist die Ausstellung auf keinen Fall: düster. Das Thema Tod und Sterben wird hier aus seiner – leider immer noch bestehenden – Tabuzone geholt, und es wird gekonnt gezeigt, dass es zum Leben dazugehört.

Die 80 Koffer waren bereits an den verschiedensten Orten der Welt zu sehen, vom Emsland über Wien bis Mexiko. Überall berührten sie gleichermaßen. Musik, Tabak, ein guter Tropfen, Fotos, Bücher, Engel, ein Spiegel, Symbole für Gefühle, Hundefutter, mal auch gar nichts – jeder Koffer ist ganz individuell gestaltet, Überraschungen inklusive! Zudem finden die Besucher zu jedem Objekt einige Informationen über den jeweiligen „Urheber“, dessen Beweggründe und Gedanken, und sie haben im Anschluss die Möglichkeit auf einem Kärtchen aufzuschreiben, was sie selbst wohl auf ihrer letzten Reise mitnehmen würden.

Nicole Lödige und Melanie Mehrung sind vor allem dankbar für die zahlreichen ehrenamtlichen Helfern des Hospiz- und des Museumsvereins, dem Bauhof der Stadt und dem Staatsbad, ohne die diese Ausstellung kaum gewuppt hätte werden können. Und kaum hatte die Kunde von diesem außergewöhnlichen Projekt die Runde gemacht, bekamen sie auch gleich erste Feedbacks. „Zum Beispiel nehmen über 30 Personen der Agaplesion-Pflegefachschule hier das Thema als Teil ihrer Abschlussarbeit“, freut sich Mehring. Auch andere Schulen hätten Interesse bekundet: der Kurs „Darstellende Künste“ am Humboldt-Gymnasium Bad Pyrmont beispielsweise, der eine öffentliche Präsentation plant.

Des Weiteren wird es ein vielfältiges Begleitprogramm zum Thema Sterbekultur geben: Die Pyrmonter Theater Companie ist genauso dabei wie Titus Malms. Auch die Arbeit des Kinderhospiz Löwensen als Kooperationspartner des Pyrmonter Hospiz-Vereins wird an einem Abend vorgestellt und es ist eine Busexkursion nach Bergisch Gladbach zu eben jenem Bestattungsunternehmen geplant, das die Ausstellung vor 25 Jahren initiiert hatte.

Vor Ort werden donnerstags und samstags ab jeweils 14 Uhr öffentliche Führungen angeboten; eine Anmeldung ist nicht erforderlich. „Außerdem haben wir schon viele Gruppenanmeldungen, auch über die Region hinaus, die noch nie hier im Museum waren“, ergänzt Mehring. Das Interesse breitet sich derzeit weiter aus – von Hameln über Dörentrup bis nach Alfeld. Nicole Lödige hat sogar letztens einen Anruf aus Irland erhalten. Möglich also, dass die Koffer eines Tages auf die Grüne Insel umziehen. Doch nach Bad Pyrmont geht‘s erst einmal nach Luxemburg.