Hameln-Pyrmont (ey). Es waren glorreiche Zeiten, als Fans an Tag eins einer Albumveröffentlichung von den Rolling Stones, Led Zeppelin oder Beatles in aller Herrgottsfrühe vor Musik-Kaufmann in Hameln Schlange standen, um die ersten zu sein, die das heiße Teil in Händen hielten. Inhaber Olaf Kaufmann vertickte bisweilen vom Wagen ab; die Platten schafften es gar nicht bis in die Regale seines kleinen Geschäfts. Heute ist das anders, heute wird gestreamt, den tollen Musikladen gibt’s nicht mehr, die Beatles und Led Zeppelin auch nicht. Allein die Stones sind noch da – und Stadtgespräch! Der HALLO hat zugehört.
Vor wenigen Tagen wurde das neue Album „Hackney Diamonds“ veröffentlicht! Der Pop-up-Truck – ziemlich ausgeklügelte Marketing-Strategie und Erlebnis für Fans – war in Hannover am Donnerstag vorgefahren. Gesprächsstoff für viele in Hameln-Pyrmont: „Das ist’n Ding, dass die alten Recken eine neue Platte raushauen. Ich habe sie zweimal live gesehen in der Frankfurter Festhalle, das war in den Siebzigern – und ich war sogar auf einer After-Show-Party, wo Mick und Keith dabei waren. Völlig normal. Ist lang her“, erzählt Roland Vogel, der im Verkaufsstand von Geflügel-Hanf auf dem Hamelner Wochenmarkt mit anpackt. „Chef“ Udo Hanf ist riesiger Stones-Fan. „Die sind super. Ob die auf Tournee kommen?“
Das Pflaster für Wunden, die tief in unserem Herzen bluten
Da ist eine gute Frage, die zur Stunde noch unbeantwortet bleibt. Dass die Stones out sind, davon kann jedenfalls keine Rede sein. Mick Jagger ist 80 Jahre alt, Keith Richards 79. In dieser Zeit, in der Bomben in Israel und dem Gaza-Streifen fallen, die Lage zwischen dem Kosovo und Serbien angespannt ist und der Ukraine-Krieg mit unverminderter Härte voranschreitet, sind die neuen Songs der „Glimmer Twins“ Keith und Mick wie ein Pflaster für Wunden, die tief in unserer Seele bluten, mitten im Herzen, wo das Leid der Welt unergründlichen Schaden anrichten kann, wenn wir nichts anderes mehr zuließen. „Hackney Diamonds“, das neue Album, vermag nicht das beste dieser Band zu werden, aber nach über sechzig Jahren Rolling Stones muss es das auch nicht – Hauptsache, die Steine rollen und führen uns am Ende eines Tunnels zu einem Licht, das nicht zum entgegen kommenden Zug auf demselben Gleis gehört.
Zwei Mittsechziger unterhalten sich, aufgeschnappt in einem Café in Bad Pyrmont: „Hast Du die neue Single der Stones gehört? Unheimlich gut!“, sagt einer, ohne die Antwort des anderen abzuwarten. Jan Hampe, gewissermaßen die „Stimme des Weserberglandes“ im lokalen Sender Radio Aktiv, der die Nummer „Angry“ (erste Single-Auskopplung aus „Hackney Diamonds“), zwar nicht in heavy rotation, so aber immerhin regelmäßig spielt, sagt dazu: „Die Stones gehen immer, und jetzt, da sie nach über achtzehn Jahren mit neuen Songs um die Ecke kommen, ist das Interesse groß. Das merken wir bei Radio Aktiv“, sagt er, und zack – läuft „Honky Tonk Woman“, einer dieser Klassiker einer Gruppe, die sich nie neu erfinden musste, über all die Jahre ihren Stil nicht wesentlich geändert hat, wie VW Käfer und Renault 4. Der einzig gangbare Weg, um zu Ikonen zu werden, ist der, immer das zu tun, was man selbst will und nicht das, was die anderen wollen. Bestes Lindenberg’sches Prinzip: „Ich mach mein Ding.“ Und die Stones immer ihres.
Die Bomben und Raketen werden zur Stunde nicht aufhören einzuschlagen, nicht in der Ukraine, nicht in Nahost, und keiner weiß heute, wo die Reise lang geht. Doch solange die Rolling Stones ein Lebenszeichen von sich geben, besteht ein bisschen Hoffnung für diese Welt, obgleich sie munter musikalisch von Sympathie für den Teufel singen und dies doch im Allgemeinen als himmlisch zu betrachten wäre, denn alles, was Gemeinsamkeit schafft, schafft Frieden, und Frieden ist himmlisch. Frieden ist Musik. Frieden ist … Vinyl. Ortswechsel also: Die Plattenbörse in der Bad Pyrmonter Wandelhalle war ein voller Erfolg. Ein paar Tage ist sie her, aber die Freude über das, was Musikfans dort gefunden haben, hat noch Strahlkraft. Und auch dort – neben Beatles und Jimi Hendrix: die Rolling Stones! Bisschen abgegriffen das Cover, aber nicht kaputt, nichts eingerissen, die Hülle quasi wie neu und die Platte hat keinen Kratzer. „Exile on Main St“ heißt das Schätzchen aus 1973, ein Wildfang, ein Wahnsinn, ein Wohlergehen für verrockte Ohrmuscheln. Jagger und Konsorten spielten es der Steuer wegen im französischen Exil ein, der Technik-Truck von Led Zeppelin war vor Keith Richards‘ Villa Nellcôte vorgefahren, es waren Kabel verlegt worden, dann ging‘s teils im Drogenrausch an die Arbeit. Hat aber hingehauen, so sehr, dass die Platte durchzündete wie keine andere zuvor. Kein Wunder bei Songs wie „Sweet Virginia“, „Shine a light“ oder „Tumbling dice“. Sind sie auch im Laufe der Zeit ein bisschen rockiger geworden, so haben sie ihre Wurzeln doch nie vergessen, und die liegen im Blues.
Überhaupt: Dass die Stones – Hannover mal als „Region“ mit eingerechnet – hier in der Nähe waren, ist lange her. Über zwanzig Jahre; die letzten ihrer Konzerte in der Umgebung fanden im Niedersachsen-Stadion in den Neunzigern statt und 2003 auf dem Expo-Messegelände. Sechsmal seit dem 6. Juni 1982. Egal, die Tickets, so hört man, sind ohnehin unverschämt teuer – aber hören wir noch mal zu am Nachbartisch in dem Café in der Hamelner Innenstadt. „Wenn die auf Tournee kommen, zahle ich jeden Preis.“
Dem wäre nichts hinzuzufügen.