Hameln-Pyrmont. Fünf Wochen ist es her, dass der russische Präsident Wladimir Putin den Überfall auf die Ukraine angeordnet hat. Schätzungsweise zehn Millionen Menschen sind deshalb aus ihrer Heimat geflohen. Auch in Hameln kommen immer mehr Menschen an – darunter auch viele Kinder. Der erste Deutschkurs für Geflüchtete aus der Ukraine ist bereits gestartet – mit großem Andrang.
„Stand heute sind 400 Menschen, die bei Verwandten untergebracht sind, in Hameln angekommen“, berichtet Stadträtin Martina Harms. Das sei eine enorm hohe Zahl. Dazu kommen noch die Menschen, die in den zentralen Einrichtungen, wie dem früheren Jugenderholungsheim in Unsen, untergebracht werden sollen. Die Geflüchteten werden der Stadt wöchentlich zugewiesen. Harms erwartet, dass es sich dabei um jeweils drei Busse mit 24 Insassen, also insgesamt 72 Personen, handeln wird.
Die Verteilung setzt sich nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel zusammen. Laut Harms werden zehn Prozent der in Deutschland ankommenden Geflüchteten nach Niedersachsen gebracht. Zwei bis drei Prozent von ihnen kommen in den Landkreis Hameln-Pyrmont. Die Stadt Hameln müsse sich dann um etwa 38 Prozent der Menschen kümmern, die im Landkreis ankommen.
Ziel sei es, ihnen so schnell wie möglich eigene Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Doch diese sind knapp. Die Stadt sei auf die Meldung von verfügbarem Wohnraum durch die Bürger angewiesen. Ein Online-Portal sei dafür bereits in Arbeit. Wenn der Landkreis die Menschen aus den zentralen Unterkünften vermittelt, müsse allerdings vom Königsteiner Schlüssel abgewichen werden. „Die Demografiesituation im Landkreis ist nicht so aufgebaut, dass in Hameln die meisten Wohnungen zur Verfügung stehen“, erklärte Harms. Tatsächlich sei eher das Gegenteil der Fall.
Die Einbindung der ukrainischen Kinder und Jugendlichen wird auch das Bildungssystem in Hameln und dem Landkreis Hameln-Pyrmont vor große Herausforderungen stellen. Für kommenden Dienstag ist ein Kooperationsgespräch zwischen der Stadt Bad Pyrmont, dem Landkreis, der Stadt Hameln und dem Regionalen Landesamt für Schule und Bildung geplant. Dabei soll erörtert werden, wie weitere Kinder und Jugendliche schulisch versorgt werden sollen.
Laut dem Leiter des Fachbereichs Bildung, Familie und Soziales bei der Stadt Hameln, Dirk Kuhfuß, waren bis zum Mittwoch 126 Minderjährige in Hameln eingetroffen. 34 im Alter von null bis fünf Jahren, 42 im Alter von sechs bis zehn Jahren und weitere 50 im Alter zwischen elf und 18 Jahren. Bisher haben 17 von ihnen einen Platz an einer Hamelner Schule gefunden.
In den Kitas könnte es in Zukunft wohl noch enger werden. Das ist problematisch, da bereits jetzt viele Kinder auf der Warteliste für einen Kita-Platz stehen. Laut Kuhfuß beabsichtigt das Land Niedersachsen, eine sogenannte Notdurchführungsverordnung auf den Weg zu bringen. Diese werde zwar noch verhandelt, doch einige angedachte Maßnahmen seien bereits bekannt. Demnach könnte die Regel, dass pro Kita-Gruppe zwei Quadratmeter je Kind zur Verfügung stehen müssen, fallen. Auch könnte jede Gruppe um ein zusätzliches Kind aufgestockt werden. „Das ist pädagogisch schon eine Katastrophe, aber es stellt sich die Frage, was die größere Katastrophe ist“, zeigt sich Kuhfuß besorgt.
Um personelle Abhilfe zu schaffen, wolle das Land Niedersachsen auch ukrainische Personen mit einschlägiger Berufserfahrung in den Kitas einsetzen – per Allgemeinverfügung. Auch die Aufhebung der Führungszeugnispflicht für Kita-Mitarbeiter stünde im Raum. In den Schulen könnten die Vorschriften zur Klassenteilung ab einer bestimmten Schülerzahl ausgesetzt werden.
Vergangenen Mittwoch startete der erste Deutschkurs des Landkreises Hameln-Pyrmont im Englischen Viertel in Hameln. Laut einer Pressemitteilung des Landkreises standen schon vor Beginn der ersten Stunde die ersten Ukrainerinnen und Ukrainer vor der Tür und erkundigten sich nach dem Sprachkurs. Als die maximale Teilnehmerzahl erreicht war, sei der Ansturm jedoch nicht abgeebbt, sodass sich vor dem Gemeinschaftshaus eine lange Warteschlange bildete.
„Wir hatten gehofft, dass unser Aufruf die Interessierten erreicht“, sagt Regina Kitsche von der Koordinierungsstelle Migration und Teilhabe, „dass aber bereits am ersten Tag ca. 50 Personen beim Kurs erscheinen – damit hatten wir nicht gerechnet.“