Weserbergland (ey). Die Zahl ist erstaunlich: Über 200 Rehe werden jährlich im Landkreis Hameln-Pyrmont durch Wildunfälle getötet! „Hinzu kommen etwa 30 Wildschweine, Dutzende Dachse und einige Tiere mehr, die von Fahrzeugen erfasst werden“, sagt Kreisjägermeister Jürgen Ziegler. Rechnerisch betrachtet: fast jeden Tag ein Crash in Zusammenhang mit Tieren. Vorsicht ist geboten – erst recht jetzt, da Felder geerntet werden und die Waldbewohner zurück in ihre Forste drängen.
Denn hier ist in der Tat der Grund dafür zu finden, dass es im Herbst zu sehr viel mehr Wildwechseln kommt: „Die Tiere verlassen die Einstände auf den Äckern, wo jetzt die Mais- und Rübenernte in vollem Umfang läuft. Dadurch finden sie dort nichts mehr, sodass sie zurücklaufen in den Wald“, erklärt Jürgen Ziegler. Vor allem in der Dämmerung und im Schutze der Dunkelheit sind Reh- und Schwarzwild unterwegs, weshalb der Kreisjägermeister allen Verkehrsteilnehmern dringend rät, nicht allein vorsichtig, sondern im Zweifel auch langsamer zu fahren als erlaubt, weil sich die Schadensgröße bei einem Aufprall mit einem Wildtier potenziert, je schneller man unterwegs ist.
Es kann durchaus zu einem Totalschaden kommen
„Man sollte das nicht unterschätzen. Ein ausgewachsenes Wildschwein wiegt 40 Kilogramm. Je nachdem, mit welchem Tempo man es erfasst, wirken hier Tonnen von Kräften auf die Karosserie, weshalb es bisweilen auch zu einem Totalschaden des Fahrzeugs und zu schweren Verletzungen bei den Insassen kommen kann“, sagt Ziegler.
Nicht allein der Aufprall mit dem Tier ist gefährlich, sondern vor allem auch das Verhindern. Hier heißt es: „Das Lenkrad nicht verreißen, denn wer in den Graben oder gegen einen Baum fährt, riskiert einen noch viel größeren Schaden und lebensgefährliche Verletzungen“, so die Aussage der Verkehrssicherheitsberater bei der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden. Heißt de facto: bremsen ja, ausweichen nicht. Leichter gesagt als getan, oder?
Wer ausweicht, läuft Gefahr, in den Gegenverkehr zu geraten
„Ja, aber wichtig. Denn wer ausweicht, könnte auch in den Gegenverkehr geraten. So entstehen die schlimmsten Verkehrsunfälle“, erklärt Ilja Walter, Mitglied im Präventionsteam der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden. Er rät dringend, zwischen September und Dezember besonders in der Dämmerung morgens und abends die Geschwindigkeit anzupassen, insbesondere dort, wo mit Wildwechsel zu rechnen ist. Bedeutet: Wo Wälder und Felder bestehen, was im Weserbergland bekanntlich die Regel und nicht die Ausnahme ist.
Interessant noch dieser Aspekt: Es gibt Autofahrer, die mehr als besonnen – sprich: sehr, sehr vorsichtig – unterwegs sind und die zulässige Höchstgeschwindigkeit weit unterschreiten. Laut Polizei ist das erlaubt, aber: „Man darf natürlich keine anderen Verkehrsteilnehmer behindern. Im Zweifel muss er dann so schnell wie möglich rechts ranfahren, dort, wo es möglich ist, um die anderen vorbeizulassen“, erklärt Ilja Walter.
Wildunfälle kommen häufig vor. Erst recht in ländlichen Gebieten wie dem Weserbergland und Lippe. Umso wichtiger zu wissen, was zu tun ist, um sie zu verhindern. Beziehungsweise was getan werden muss, wenn‘s dann doch bei aller Vorsicht gekracht hat. Tipps von Ilja Walter, Mitglied im Präventionsrat der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden:
- Verkehrszeichen Wildwechsel stehen nicht grundlos an Straßen. Hier gilt, die Geschwindigkeit anzupassen und aufmerksam zu sein. Wichtig auch: Den Abstand zum Vordermann vergrößern, um Auffahrunfälle zu vermeiden.
- Wer sehr langsam fährt, um der Gefahr eines Wildunfalls auszuweichen, darf das, sollte aber bei passender Gelegenheit den hinter ihm angestauten Verkehr vorbeiziehen lassen. Also wenn möglich rechts ran. Denn: „Man darf bei aller Vorsicht keinen anderen Verkehrsteilnehmer behindern.“
- Wenn Wild auf der Straße steht: Fernlicht löschen und hupen! Lernt man eigentlich schon in der Fahrschule, vergessen aber viele im Laufe der Jahre. Fakt ist: Schwarz- und Rehwild schaut wie hypnotisiert ins Fernlicht. Es weicht nicht, es bleibt stehen.
- Nach einem Zusammenprall sofort die Unfallstelle sichern. Bedeutet: Warnweste überstreifen, Warnblinklicht einschalten und in adäquater Entfernung das Warndreieck aufstellen (mindestens 100 Meter, bei Kuppen oder Kurven auch noch weiter entfernt).
- Das getötete oder verletzte Tier nicht anfassen oder entfernen (Jagdwilderei!), sondern die Polizei verständigen. Ist der Jagdpächter bekannt, auch ihn anrufen. Das erledigt aber sonst auch die Polizei.