Hameln-Pyrmont / Lippe (ey). Unglaublich: Da feiert der Renault R4 als Mobil-Ikone, über 8,1 Millionen Mal auf vier bescheiden schmale Reifen gestellt, runden Geburtstag – und selbst den Hersteller und die Fachhändler interessiert‘s offensichtlich nicht die Bohne! Welch eine Schande, denn dieser Klassiker ist vor genau 60 Jahren das erste Mal vom Band der Régie Nationale des Usines de Renault in Paris-Billancourt gerollt und Ende August desselben Jahres an den ersten Kunden ausgeliefert worden. Der französische Automobilbauer, zum 50. Jubeljahr des R4 noch mit Sonderaktionen am Start, ignoriert den 60. komplett.

Damals, 1961, hatte die praktische Blechbüchse noch unter 30 PS. Bis auf 34 Pferdestärken brachte es „La Quatrelle“, wie ihn die Franzosen nennen, erst einige Jahre später. Viele fahren nicht mehr, was erstens schade und zweitens der Grund für den miesen Korrosionsschutz ab Werk war. Aber die, die heute noch fröhlich pröttelnd unterwegs sind, werden zumeist von Enthusiasten gefahren. Und andere erinnern sich an den praktischen Lastesel sogar als herausragenden Einsatzwagen im Fachbetrieb.

Zum Beispiel Wilhelm Bergmann, Inhaber von Elektro-Bergmann in Hameln. „Wir hatten jahrelang R4s im Fuhrpark. Die waren super. Große Klappe hinten, niedrige Ladekante. Alles reingepackt und ab zum Kunden“, sagt er mit nostalgisch klingendem Zungenschlag. Und weiß noch, „dass die Firma Latzel Haustechnik (Hameln) eine ganze Flotte an R4-Fahrzeugen hatte“. Exakt, so ist es.

Auf Anfrage ließ Sylvia Latzel-Kießling der HALLO-Redaktion schnell mal einige Fotos zukommen. „Ich habe keinen R4 mehr selbst gefahren, aber aufgrund seiner hohen Praktikabilität war unser gesamter Betrieb damit ausgestattet“, sagt sie. Auch Jörg Schulz (Elektro-Schulz, Afferde) weiß noch genau, dass in dem von seinen Eltern Hildegard und Horst Schulz 1962 gegründeten Unternehmen, „auch R4 unterwegs waren“. Selbst hat er jedoch keine Erfahrung mehr mit der berüchtigten Revolverschaltung gehabt, die wie ein Dinosaurierknochen aus dem Armaturenträger hervorsticht.

Während Renault selbst über seine Fachhändler anscheinend Besseres zu tun hat, als dieser Ikone aus Anlass ihres 60. Geburtstags zu huldigen, schwelgen auch Privatfahrer in Erinnerungen. Peter Schilling aus Hameln ist so einer, für den es kein besseres Auto gibt als den R4. Klar gäbe es Verbesserungsbedarf: „Ich würde jedem R4-Fahrer raten, eine elektronische Zündung einbauen zu lassen, aber ansonsten gibt‘s nicht so viel zu verbessern“, sagt er, der die hohe Praktikabilität des Wägelchens liebt und den „Vierer“, den es auch als Kastenwagen (genannt: Fourgonnette) gab, deshalb nicht nur an schönen Sommertagen ausfährt, sondern im Dauereinsatz hat und mit seiner Lebensgefährtin Nora Günther auch mal eben bis ins Wendland düst, „weil es so einen irren Spaß macht, dieses Auto zu fahren“.

Das kann Dieter Ternäben nur bestätigen. Der Lügder hat sogar ein ganz besonderes Maschinchen zu bieten: in wunderwunderwunderschönem Taubenblau, Baujahr 1968, 26 PS! Nix verhunzt, alles original. „Es ist ein Vergnügen, damit zu fahren. Nicht schnell, sondern entspannt“, sagt er, auf dessen durchgehender Frontbank (statt Einzelsitzen, so war das eben damals) sich Lebensgefährtin Christa Gehrich mitfreut über „dieses ganz besondere Fahrerlebnis“. Der R4 von Dieter Ternäben ist, so wie er da auf seinen vier schmalen Pneus steht, nicht bloß ein Modell, sondern ein Model mit bescheidenen 747 Kubikzentimetern Leistung.

„Ich fuhr als junger Kerl genau dieses Baujahr“, sagt Dieter Ternäben und weiß, dass der Klassiker R4 in der Tat Automobilgeschichte schrieb, weil er als Nachfolger des sogenannten „Crèmeschnittchens“ nicht nur der erste Fronttriebler im Hause Renault war, sondern ganz nebenbei auch irgendwie der Vorvorvorgänger heutiger SUVs.

132 Käfer, 37 Enten – und nur noch 9 Renault R4

Ein Raumwunder. Aber eines, das selten geworden ist, auch auf den Straßen im Landkreis Hameln-Pyrmont, der mit 1398 zugelassenen H-Kennzeichen eine im Vergleich zu anderen Regionen riesige Zahl an historischen Fahrzeugen vorweist. Laut Sandra Lummitsch, Pressesprecherin im Kreishaus, hat sich eine Mitarbeiterin der Kreisverkehrsbehörde für den HALLO die Mühe gemacht herauszufinden, wie viele R4 in Hameln-Pyrmont noch zugelassen sind. „Es sind noch neun Stück mit H-Kennzeichen“, sagt sie und liefert interessante Vergleichszahlen, denn: Vom VW Käfer sind 132 zugelassen, vom Citroën 2CV, der „Ente“, knetern immerhin 37 herum! Also auch hier: der R4 im Windschatten seiner damaligen Konkurrenten – und dennoch unkaputtbar. Peter Schillings 1986er hat jetzt 319 000 Kilometer auf dem Tacho. Noch Fragen?