Hameln / Tel Aviv. Einen sensationellen Notenfund über eine Ballettmusik zum Rattenfänger von Hameln kann die Hamelner Professorin Olga Tschipanina bekanntgeben. Sie möchte das Musikstück mit Pantomime und Sprechtext in Hameln aufführen. Ihre Freundin Olga Filatov entdeckte die Partitur zum Pied Piper of Hamelin im Archiv des Felicja Blumental Music Center in Tel Aviv.
Die beiden Freundinnen kennen sich seit 1981 aus dem Studium an der Gnessin Musikakademie in Moskau. Mitte der 1990er Jahre emigrierte die eine nach Hameln, die andere nach Tel Aviv. Olga Filatov lernte Hebräisch und machte in Israel eine Ausbildung zur Musikarchivarin. Seitdem sichtet sie kartonweise Kompositionen und Briefe von Musikern, die ihren Nachlass der öffentlichen Bücherei oder der Uni Tel Aviv übertragen haben. An beiden Orten arbeitet Olga Filatov als Musikarchivarin. Für sie ist es eine besondere Aufgabe, die gut gehüteten sehr persönlichen Schaffenswerke und Korrespondenzen der Musiker zu sortieren, zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Im Herbst einen Karton geöffnet …
Im Herbst 2021 öffnete Olga Filatov im Auftrag des Leiters der öffentlichen Bibliothek des Felicja Blumental Music Center & Library einen Karton mit Noten des Berliner Komponisten Franz Crzellitzer, der 1934 vor den Nazis nach Israel geflohen war. Und sie traute ihren Augen nicht, als sie die Partitur für ein Ballett mit Sprechtext und Pantomime zum Rattenfänger von Hameln fand. Datiert ist die Partitur auf 1944.
Olga Tschipanina, die auch die Hamelner Jugendphilharmonie leitet und an der Musikhochschule in Hannover musikalisch hochbegabte Kinder und Jugendliche unterrichtet, hat von ihrer Freundin Olga Filatov aus Tel Aviv eine Kopie der Partitur erhalten und möchte das rund 30-minütige Werk nun gern in Hameln zur Aufführung bringen. Für die einzelnen Instrumente der Partitur bedarf es eines Klavierauszuges, den Prof. Christoph Hempel nun im Auftrag der Kinder- und Jugendphilharmonie Hameln e. V. erstellt hat.
Olga Filatov und ihre Kollegin Anat Viks zeigten den Hamelner Journalisten Ulrike und Wolfhard F. Truchseß nun in Tel Aviv die Partitur im Original und erläuterten, dass Crzellitzer im Gegensatz zu anderen nach Israel emigrierten jüdischen Komponisten stets seinem in Deutschland erlernten neoromantischem Stil treu geblieben sei. Mit anderen Musikern oder Komponisten in Palästina, die dort neue Musik im ost-mediterranen Stil komponiert hätten, habe er kein Netzwerk geknüpft. Olga Filatov meint, dass Crzellitzer, der am 28. Januar 1979 in Tel Aviv gestorben ist, von der Musik nicht leben konnte. Sein Brot verdiente er als Elektriker.
Das Musikballettwerk über die Sage des Rattenfängers mit direkter Ansprache an die Kinder im Publikum drückt seine tiefe Verbundenheit mit der deutschen Sprache und mit dem in der Sage überlieferten Kulturgut aus. Schließlich schrieb er das Stück 1944. Da lebte er schon zehn Jahre in Palästina. Mit zwei Inszenierungen (1956 und 1965) seines Pied Piper in Jerusalem sei er nicht zufrieden gewesen, berichten die Archivarinnen in Tel Aviv. Er schrieb an das Fernsehen und das Radio und wartete auf weitere Aufführungen. Zweimal wurde das Rattenfänger-Ballett von Crzellitzer in Deutschland aufgeführt – einmal vom Rias Berlin 1961 und in München 1966. Doch auch diese Aufführungen gefielen dem Komponisten nicht.
Ein Kammermusik-Klavierwerk Crzellitzers wurde im vergangenen Jahr in Kanada vorgestellt, berichtet Anat Viks und verweist auf ein Video, vom ARC Ensemble den Artists of the Royal Conservatory of Toronto, auf dem das Werk als letztes von drei Stücken zu hören ist.