Hameln-Pyrmont (ul). Er findet die Königin im Gewusel der friedlichen Arbeiterbienen auf einer der vier doppelseitigen Waben seines neu angelegten Volkes. Sie ist größer als die fleißigen Nektarsammlerinnen. Ganz sanft greift er ihre beiden Körperseiten am Brustpanzer mit Daumen und Zeigefinger. Klaus Wollenweber will die junge Königin mit einer klitzekleinen runden Zahlenmarke auf dem Kopf markieren. Denn er will sie wiederfinden, wenn er ein neues Volk anlegt.
Die Mutter seiner Bienen verlässt den Bienenstock nur, um sich von etwa 20 Drohnen nacheinander begatten zu lassen. Die Arbeiterbienen bauen Waben für den Nachwuchs, versorgen ihn und leisten bei der Nahrungssuche die Bestäubung von Obst- und Gemüseblüten, Baumblüten und Blumenblüten. Dabei sind die Honigbiene und ihre Verwandten, die Wildbienen, auf Nektar-Nahrung von Blühpflanzen in der Natur angewiesen. „Landwirte wissen oft nicht, wo Imker ihre Völker haben“, bestätigt Karl-Friedrich Meyer, der Vorsitzende der Kreislandwirte. Um mehr zu erfahren, hatten sie hier im Weserbergland vor Corona einen Imker-Stammtisch gegründet. Der traf sich bereits zweimal in Fischbeck und einmal in Lüdersfeld jeweils im Winter.
Für Juli ist ein Biodiversitätsstammtisch in der Natur geplant. Dabei erfahren die 15 bis 20 Landwirte von den Imkern beispielsweise, wann die Bienen auf Nahrung angewiesen sind. Es gibt ein Nahrungsloch im Sommer, nach der Rapsblüte und der Lindenblüte, da sollten künftig Blühwiesen den Bienen Nahrung liefern. „Nach EU-Vorgabe legen wir eine Blühmischung an, die sogenannte Honigbrache. Damit fördern wir die Biodiversität und Artenvielfalt wesentlich, das tun wir Landwirte in Niedersachsen neuerdings in Absprache mit Imkern, Jägern und Anglern“, so Meyer.
Der sogenannte „Niedersächsische Weg“ ist jetzt auch politisch vom Landtag geebnet. Dabei dürfen Blühflächen angelegt werden, die später gemäht werden und in Biogasanlagen für klimafreundliche Energie sorgen. Da ihr Energiegehalt allerdings nicht so hochwertig ist, wie der von Mais oder Zuckerrüben, die bisher hauptsächlich für Biogasanlagen angebaut wurden, aber nicht so bienenfreundlich sind, erhalten die Landwirte künftig eine Ausgleichszahlung vom Land, wenn sie Blühflächen für Biogasanlagen anbauen.
Um die Förderung zu erhalten, bestätigen Imker wie Wollenweber im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums den Anbau der Blühflächen. „Das ist wichtig, weil die Ziele auch erreicht werden müssen“, sagt Klaus Wollenweber, Vorsitzender des Hamelner Imkervereins. Der Berufsschullehrer der Eugen-Reintjes-Schule betreibt seit 40 Jahren die Imkerei als Hobby in seinem Garten in Tündern und auf Feldern beim Marienhof in Esperde. Sein Wissen um die Pflege und Aufzucht auch friedlicher Honigbienen vermittelt er gern Schülern in ihren Schulgärten oder bei einem Ausflug zu ihm.
Sogenannte Neonicotinoide sind Imkern ein Dorn im Auge
Großes Problem und deshalb immer wieder zu hitzigen Debatten zwischen Imkern und Landwirten führend sind Insektizide. Das Beizen von Saatgut mit sogenannten Neonicotinoiden, Insektiziden, die sehr toxisch sind und sich nur langsam abbauen, ist den Imkern ein Dorn im Auge. Die Bienen werden bei Aufnahme des Nektars von den als Pflanzenschutz bezeichneten Stoffen nervlich geschädigt und finden nicht mehr nach Hause in ihren Stock. „Das haben wir als Imker lange nicht erkannt, weil es in einem großen Stock nicht so auffällt, wenn Bienen nicht zurückkommen, weil die Bienen eh nur einen Monat lang leben und dann schon die nächste Generation ausfliegt.
Aber wenn sie die Nahrung nicht zurückbringen, verringert das den Bestand unserer Völker“, erläutert Wollenweber. Nach wie vor gibt es Notfallzulassungen der EU für diese Pestizide. Beim Mais, der gar nicht blüht, sammelt sich das Pestizid als Feuchtigkeit, die die Pflanze absondert. Insekten sind aber auf das Sammeln von Feuchtigkeit angewiesen.
Energiemais blüht nicht und bringt nichts für die Bienen
Energiemais, der nicht blüht und deshalb für Bienen keine Nahrung bringt, macht im Weserbergland rund sieben Prozent der Anbaufläche aus. Als Alternative wird auf Zuckerrüben gesetzt. Auch sie landen in der Biogasanlage, seitdem der Zuckerpreis gefallen ist, ist der Erlös für den Landwirt beim Verkauf für die energetische Nutzung ebenso ertragreich. Neben Getreide, Rüben und Mais werden im Weserbergland Kartoffeln und Raps in Fruchtfolge angebaut. Ziel des Niedersächsischen Weges sei es nun, mehr energetisch genutzte Anbaufläche mit einer für Insekten als Nahrung erprobten Blühmischung zu bestücken, die einerseits der Biodiversität, also dem Überleben und dem Erhalt der Vielfalt von Insekten und Pflanzen dient und dann auch noch als Grünschnitt in der Biogasanlage verwertet werden kann.
Den Ausgleich des geringeren Energiewertes im Vergleich zu Mais oder Zuckerrübe, der sich im Preis der Biogasbetreiber gegenüber dem Landwirt auswirkt, zahlt dann das Land bzw. die EU. Als blühende Energiepflanzen kommen auch Stauden wie die Durchwachsene Silphie in Betracht. Sie sind mehrjährig und müssen nicht jedes Jahr neu gesät werden. Wollenweber: „Zur Rapsblüte im Frühling haben die Bienen normalerweise genug Nahrung. Wichtig ist uns Imkern, eine Blühphase nach der Rapsernte und der Lindenblütenzeit zu erhalten für die zweite Sammelzeit der Bienen Mitte Juni, da haben wir ein Loch.“