Hameln-Pyrmont (ey/mes). Man stellt sich das immer so romantisch vor: Der Küster einer Kirche tapert in aller Herrgottsfrühe Hunderte Stufen im Turm hinauf, um die Zeit in diesem Fall eine Stunde zurückzudrehen. Aber denkste: „Das funktioniert über Funk. Da wird nichts mehr gedreht“, sagt Michael Bräunig, Küster für Marktkirche und Münster St. Bonifatius im Herzen Hamelns.
Sei‘s drum: Die Sommerzeit ist trotzdem vorbei. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wird‘s Winter. Von Winterzeit ist zwar oft die Rede, aber die gibt’s gar nicht. Es gibt die europaweit geltende Extra-Sommerzeit – und eben die „normale“ Zeit. Basta. Und die wird auch nicht zurückgedreht, jedenfalls nicht bei Funkuhren, sondern bleibt 60 Minuten lang einfach nur mal stehen.
Ja, die Zeit steht still – hat man auch nicht alle Tage. Müsste man mal nutzen. Ernst-Wilhelm Bartram, Inhaber von Uhren Optik Goffre in Hameln und damit ein Fachmann in puncto Zeiger und Zifferblatt, muss übrigens dennoch kaum an den Uhren drehen, die er verkauft. Es sind zwar viele, aber „die werden ja erst scharfgeschaltet, wenn ein Kunde sie kauft“, sagt er. Nachvollziehbar, denn sonst würden Batterien ihren Dienst ja bisweilen wochenlang nur in Auslagen und Schubladen tun.
Ganz so einfach ist es mit dem menschlichen Organismus und Wohlbefinden leider nicht. Laut einer Umfrage einer Krankenkasse klagen 32 Prozent der Deutschen über körperliche oder psychische Beschwerden nach der Zeitumstellung – der höchste Stand der vergangenen zehn Jahre. 81 Prozent derjenigen, die schon einmal Probleme nach der Zeitumstellung hatten, fühlen sich dabei schlapp und müde. 69 Prozent haben Einschlafprobleme und Schlafstörungen, 41 Prozent können sich schlechter konzentrieren und 30 Prozent fühlt sich laut der Umfrage gereizt. Frauen leiden dabei mit 40 Prozent fast doppelt so häufig unter Gesundheitsproblemen nach der Zeitumstellung wie Männer (23 Prozent).
Eine Stunde mit großer Wirkung
Dabei geht es doch „nur“ um eine Stunde, könnte man einwenden. Wieso hat diese so große Auswirkungen? Alfred Wiater von der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin sagt, unser biologischer Rhythmus wird maßgeblich von äußeren Faktoren bestimmt. „Das erfolgt durch sogenannte Zeitgeber. Der wichtigste äußere Zeitgeber ist das Licht. Insbesondere der Blauanteil der Morgensonne unterdrückt das Schlafhormon Melatonin und fördert die Ausschüttung von Serotonin, wodurch wir aktiviert und positiv gestimmt werden.“
Durch die Umstellungen werden „Anpassungsvorgänge nötig, die einem Mini-Jetlag entsprechen“. Auch unser Hormonhaushalt kann laut Wiater durcheinanderkommen. „Dadurch wird die Bevölkerung regelmäßig unnötigen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt.“
Das sehen auch die meisten Deutschen so. Fast drei Viertel sprechen sich in Umfragen für eine Abschaffung der Zeitumstellung aus. Und innerhalb der EU ist sie sogar längst beschlossene Sache. Eigentlich. Denn passiert ist noch nichts.
Und so wird die Zeitumstellung wohl noch öfter bei vielen Bürgern für Verwirrung sorgen. Vor oder zurück? Von 2 auf 3 Uhr oder von 3 auf 2 Uhr? Manuelle Uhren stellt laut der Umfrage jeder vierte Deutsche falsch um, jeder zehnte Bundesbürger ist deswegen schon einmal zu spät zu einem Termin gekommen. Immerhin: Funkuhren und Smartphones stellen sich automatisch um. Das Signal dafür sendet eine von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig programmierte Atomuhr.
Und so muss auch Hamelns Küster Michael Bräunig nicht mehr überlegen, ob er in der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober die Zeiger der Kirchturmuhr nach links oder rechts drehen muss.