Von Jens F. Meyer

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Seit Tagen höre ich nur AC/DC, keine andere Mucke füllt mich dermaßen mit Energie ab. Wechselstrom/Gleichstrom in aufgewühlter, roter Suppe. Funken flackern, und fröhlich freilich speit meine Seele Feuer. Wenngleich zahlreiche Fans nur nach den Siebzigerjahren trachten, in denen Bon Scott in zu enger Jeanshose und Brustpelz (echt echt) Mikro und Mädels betörte, reite ich dennoch mit seinem Nachfolger Brian Johnson auf einem schwarzen Regenbogen, der sich „Back in Black“ nennt und eines der formidabelsten Rockalben ever zu sein scheint. Ich höre jedenfalls nichts aus den aktuellen Niederungen der Branche, das auch nur in Ansätzen mit diesem Rock‘n‘Roll-Geschoss mithalten könnte. Und deshalb: „Shoot to thrill“!

Ich liebe diesen Typen: Brian Johnson verpflanzt seine ihm gottgegebene Verschmitztheit fundamental in die aufgeblasene Rockattitüde und führt das Getöse des Brachialbeats in einen Zauber aus Freundlichkeit. Kappe in die Stirn geschoben, Arme ausgebreitet, breitbeiniger Stand – alles Show. Der Mann ist zum Knuddeln; ich weiß das, weil ich sein Buch gelesen habe. „Rock auf der Überholspur – Eine automobile Autobiografie“ Ein urkomisches, total herzliches, ehrliches Werk. Ein Kerl mit Charakter. Das Geschäft hatte ihm übel mitgespielt, damals, in den Siebzigern, also baute er mit Erfolg eine Firma für Autovinyldächer auf, als eines Tages der Anruf erfolgte, der sein Leben verändern sollte. Am anderen Ende der Leitung redete „Olga von der Wolga“ (so nennt er sie) auf ihn ein, die eigentlich nicht verraten durfte, welche Band sich um ihn bemühte. Doch im Verkauf des Gesprächs verließen folgende Worte ihre russischen Lippen: „Sind die Atze und die Detze.“

Und geboren wurde „Back in Black“, ein Über-Album als Befreiung aus der Trauer um Bon Scott, auf dem „Shoot to thrill“ eines von zehn heiß zischenden Raketen ist und das in „Rock and roll ain’t noise pollution“ endet – so ist es: Rock’n’Roll ist keine Lärmbelästigung! Jones macht Scott nicht vergessen, aber er liefert einen super Job, und „Shoot to thrill“ lässt mich vollkommen abheben. Wenn der Golfstrom nachlassen sollte und wir arschkalte Winter kriegen, in denen keine Landwirtschaft mehr möglich ist, schlage ich vor, Berge von wasserfesten Lautsprechern im Atlantik zu versenken und den Fischlein dieses Liedchen zu blubbern. Wechselstrom, Gleichstrom, Golfstrom. „Shoot to thrill“ schafft das. Und wo mal wieder die Missgünstlinge unterwegs sind, um einem das Leben schwer zu machen, lasse man sich diese Fünf-Minuten-Nummer über sein inneres Ich laufen. Wärmt wie Chili, macht aber cooler.

Johnson kräht wie besessen, hier folgt er nicht der Band, sondern die Riffmeister folgen ihm mit Zunderpranke und Energie aus einer anderen Dimension. Die Young-Brüder Angus und Malcolm sehen im Video aus, als wenn sie bei der Feldarbeit auf dem Kartoffelacker durch den Roder gedreht worden sind, und doch kann es mehr Hingabe einer Performance nicht geben. Johnson mittendrin wirft mit Metaphern um sich wie Karnevalisten Kamelle in Köln. Von Anspielungen gespickt, von Hülsen durchzogen, aber hey, das ist Rock’n’Roll, der darf das. Seine Stimme schneidet die Luft in Stücke, sie klingt ein bisschen wie Säbelrasseln, aus der brennenden Rockerkehle kraftvoll herausgedrückt, weniger gesungen. Man ahnt, wie es in der Halsschlagader gerade zugeht…

Und wenn auch an diesem Samstag die „Bon Scott AC/DC Tribute Band“ in der Lalu-Traumfabrik im Hefehof auftritt, gehe ich trotzdem hin. Denn ich weiß nicht, was soll es bedeuten, seit Tagen höre ich nur AC/DC.

Radio Aktiv an diesem Sonntag gegen 11.30 Uhr Hi(t)Story on air: „Shoot to thrill“ von AC/DC spielt der Radiosender .