Düster wie Mordor, gespenstisch wie ein One-Way-Ticket ins Zentrum des Reiches Saurons, aber verführerisch und geheimnisvoll wie schwarzer Kajal: Was „Insomnia“ Mitte der Neunzigerjahre mit uns trieb, jenen Tanzenden, die dabei waren, als der Wahnsinn Faithless‘ seinen Lauf nahm, wissen wir noch heute kaum richtig einordnen zu können. Zweifellos machte uns die Nummer schlaflos, sprachlos, weckte Begierden. Wir tanzten wie von fremden Mächten erfasst in seltsam abstrakten Bewegungen durch diffusen Disconebel in kaltem Weißlicht. Sie nannten es eine Mischung aus House, Dance und Trip-Hop. Ich nannte es fulminant. Obgleich ich stets der elektronischen Klänge mich zu entziehen suchte, nahm Faithless mich mit diesem scharfen Ohrendolch gefangen, nahm jeden gefangen, der nicht schnell genug seine Muscheln zu verhüllen in der Lage war. Absolut hypnotisch.
Sister Bliss, Rollo und Maxi Jazz – Künstlernamen, die nicht gerade cool klingen. Hingegen „Insomnia“ uns zwischen Feuer und Eis als Sundowner und Nachtmelodie arktisch-kalte Schauer über den Rücken bis unter die Schädeldecke schickt, während die Bässe klitschkoisch die Magengrube traktieren. Maxi Bliss singt nicht, er spricht wie in Trance. Stoisch: „I can’t get no sleep“. Und in welchem Mix auch immer – ich habe ’ne 38-minütige Maxi-CD mit fünf Versionen und leihe sie keinem –, irgendwann kommt stets der Zeitpunkt, an dem das prägnanteste Techno-Sample aller Zeiten aus den Boxen wummert, als wolle es die Welt erobern. Was es letztlich auch getan hat. Ein Club-Hit aus dem Cheeky Music Label, der schließlich Hallen füllte und Platz 1 sogar in den USA erklomm. Ausgesorgt bis in alle Ewigkeit.
War klar, dass keiner derer, die sich in den Folgejahren an einen Remix wagten, die Kraft so explizit einfangen und transportieren konnten. Ob Armand Van Helden oder Avicii: Faithless bleibt das Maß aller Dinge.