Es sollte „Sweet Virginia“ werden, hier in der Hi(t)Story aus Anlass des 80. Geburtstags Mick Jaggers, diesem von Rock, Blues und Endgeilheit Getriebenen. Dann ließ ich „I’m free“ und „Sweet Virginia“ wie brown sugar durch meine Adern rauschen bis dorthin, wo ein Feuer ganz im stillen Innersten knistert, und kam zu dem Schluss, dass das komplette 1995-er „Stripped“-Album Ode und Œuvre zugleich ist.
Bläulich lodernd und explosiv, obschon – oder gerade weil – die Rolling Stones hier eine Art „unplugged“-Arrangement darbieten, ohne es je so betitelt zu haben. Der Blues hat mehr Raum, nimmt der Band ihre Härte, ohne sie rundzuschleifen. Ja, im Gegenteil vertäuen sie die alte Buddy-Holly-Nummer „Not fade away“ minimal instrumentiert und rüpelrüde, als ob es sich um die Galionsfigur ihres Flaggschiffs handele, das jedem Piraten im weiten Meer des Rock ’n‘ Roll bedeuten soll: „Sehr her, das können nur wir!“
Ist so! Dieses „Not fade away“ schwebt auf dem lässig von Jagger ausgebreiteten Teppich der Blues Harp und seinem subtilen Spiel mit den Maracas, während Keith Richards seine Licks wie feine Nadelstiche einfügt und Ron Wood schüchtern über die Akustische rutscht. Nicht zu vergessen: Chuck Leavell an den Tasten – ein Keyboardspiel so smart wie Premier Grand Cru Classé-Wein. In jeder Hinsicht fantastisch – und erstaunlich insofern, als dass sich jeder Musiker zurücknimmt und daraus erst recht eine pulsierende Kraft entsteht, die einer Sturmflut gleicht und auf deren Monsterwellen uns die Stones bis zu jenem Horizont reiten lassen, an dem wir Anfang und Ende eines Regenbogens begreifen, der Zeit und Raum ineinanderfließen lässt.